Schreibwerkstatt

Bau des Dramas

Gustav Freytag (1816 – 1895)

Gustav Freytag 1886/87. Bild: Karl Stauffer-Bern (Ausschnitt)

Gustav Freytag war in seiner Zeit ein sehr erfolgreiher Schriftsteller. Sein Roman Soll und Haben gehörte zu den meist gelesenen Büchern seiner Zeit in Deutschland.

Freytag hat eine Technik des Dramas entwickelt, die auch heute noch für das Strukturieren von längeren Texten hilfreich ist. Ich stelle sie hier ausschnittweise und zusammengefasst vor.

Spiel und Gegenspiel

Ein Drama besteht nach Freytag aus zwei Hälften – es baut sich auf bis zu einem Höhepunkt in der Mitte, dann wendet sich die Handlung.

Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, die sich nach Charakter unserer Helden und Heldinnen richten:

Der eine ist voller Tatendrang und zieht sofort los – ohne viel darüber nachzudenken, was er mit seinen Handlungen auslösen könnte.
Das geht gut bis zum Höhepunkt, an dem er sich mit den Folgen seiner Taten konfrontiert sieht.
Ein Minidrama dieser Art haben wir alle schon besungen:

Hänschen klein, geht allein, in die weite Welt hinein.
Stock und Hut steht ihm gut. Hans ist wohl gemut.

Doch die Mutter weint so sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr.
Da besinnt sich das Kind, läuft nach Haus geschwind.

Die andere ist mehr der grüblerische Typ. Sie wird erst durch einen Gegenspieler in Bewegung gebracht. Um sich dann vom Höhepunkt – in Freytags Worten ausgedrückt – „in leidenschaftlichem Drange, begehrend, handelnd, abwärts bis zur Katastrophe“ zu stürzen.
So eine ist die Kluge Else aus den Märchen der Gebrüder Grimm:

Es war ein Mann, der hatte eine Tochter, die hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater: „Wir wollen sie heiraten lassen.“
„Ja“, sagte die Mutter, „wenn nur einer käme, der sie haben wollte!“
Endlich kam von weither einer, der hieß Hans und hielt um sie an; er machte aber die Bedingung, daß die kluge Else auch recht gescheit wäre.

Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die Mutter: „Else, geh in den Keller und hol Bier!“
Da nahm die kluge Else den Krug von der Wand, ging in den Keller und klappte unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr die Zeit ja nicht lang würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen und stellte es vors Faß, damit sie sich nicht zu bücken brauchte und ihrem Rücken etwa nicht wehe täte und unverhofften Schaden nähme. Dann stellte sie die Kanne vor sich und drehte den Hahn auf, und während der Zeit, daß das Bier hineinlief, wollte sie doch ihre Augen nicht müßig lassen, sah oben an die Wand hinauf und erblickte nach vielem Hin- und Herschauen eine Kreuzhacke gerade über sich, welche die Maurer da aus Versehen hatten stecken lassen. Da fing die kluge Else an zu weinen und sprach: „Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und wir schicken das Kind in den Keller, daß es hier soll Bier zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt’s tot.“ Da saß sie und weinte und schrie aus Leibeskräften über das bevorstehende Unglück.

Fünf Teile und drei Stellen

Bei einem Drama in fünf Akten liegt der Höhepunkt, an dem sich alles wendet, im dritten Akt in der Mitte.

Außerdem gibt es noch drei wichtige Stellen, die dem Drama zusätzliche Würze verleihen: Das „erregende Moment“, das die Geschichte in Schwung bringt, das „tragische Moment“ sowie das „Moment der letzten Spannung“, das der Leserin, der Zuschauerin die Illusion vorgaukelt, es könne noch einmal alles gut werden.

Akt 1: Einleitung

Zeit, Ort, Lebensverhältnisse des Helden werden dargestellt. Der Leser (oder Zuhörerin, oder Zuschauer) bekommt einen Eindruck von der Stimmung des Stückes, seinem Tempo.
Den unmittelbaren Anfang nennt Freytag Akkord des Anfangs. Wie bei einem Musikstück kann er entweder kräftig angeschlagen werden oder zart beginnen.

  • Spätestens am Schluss der Einleitung, eher schon früher folgt:
    Erregendes Moment
    Jetzt geht’s los.
    Hänschen greift nach seinem Stock, die Kluge Else wird mit einem leibhaftigen Interessenten an ihrer Person konfrontiert.

Akt 2: Steigerung

Die Handlung ist in Bewegung gesetzt.
Hans marschiert wohlgemut in die Welt. Wir können uns recht gut vorstellen, was für ein Typ er ist: Voller Elan und Optimismus, voller Neugierde und Kraft und Selbstbewusstsein. Nichts kann ihn aufhalten. Was soll ihm schon passieren?

Die gute Else dagegen – naja. Die schafft es so gerade mal die Stufen in den Keller hinunter.
Das Ganze steigert sich in klassischer Folge: Erst kommt die Magd, um nach ihr zu schauen, dann der Knecht, die Mutter, schließlich der Vater. Und alle setzen sich dazu und heulen mit.
An dieser Stelle wird das Märchen etwas langatmig. Jeder wiederholt noch einmal die Geschichte mit dem Kind und der Kreuzhacke und bricht dann in Tränen aus.
Und doch entsteht Spannung, nämlich durch die immer wieder enttäuschte Hoffnung unter uns Zuhörern, eines der zahlreichen Haushaltsmitglieder müsse doch mal Vernunft annehmen.

Akt 3: Höhepunkt

Hier wendet sich die Geschichte.

Hänschen muss feststellen, dass zu einem unabhängigen Leben etwas mehr gehört als ein wenig Abenteuerlust.
Vielleicht hat er auch einfach nur Hunger bekommen?
Mir jedenfalls erschien die mütterliche Rührseligkeit immer vorgeschoben: Ein guter Grund für unseren jugendlichen Helden heimzukehren, ohne dabei das Gesicht zu verlieren.

Freytag spricht an dieser Stelle von einem tödlichen inneren Konfliktes. Der Held wird sich – stückweise – der Wirkung und der damit einheingehenden Konsequenzen seines Handelns bewusst und muss sich dem stellen.

Und die Else? Wird tatsächlich von ihrem Hans genommen: „Mehr Verstand ist für meinen Haushalt nicht nötig“, findet er.
Für ihr Schicksal haben bis dahin vor allem innere Vorgänge eine Rolle gespielt.
Nun muss sie sich der Außenwelt und ihren Anforderungen stellen.

  • Am Schluss des Höhepunktes steht möglicherweise:
    Tragisches Moment
    Bevor sich der dritte Akt seinem Ende zuneigt, wirft das Drama möglicherweise einen Schatten voraus: Gerade noch hat unser Held, unsere Heldin sich kurz vor dem Ziel ihrer Wünsche gewähnt – da passiert etwas Trauriges oder gar Schreckliches.

Gerade haben Romeo und Julia sich heimlich vermählt – da ersticht Romeo Julias Cousin und wird in die Verbannung geschickt.

Akt 4: Fallende Handlung (Umkehr)

Von jetzt an geht es abwärts. Das Schicksal gewinnt Macht über den Helden.
Und es geht schneller: Es ist keine Zeit mehr für Einzelheiten, für Abschweifungen oder geschickt eingeflochtene Hinweise. Jetzt geht es ums Ganze, um große Züge und große Wirkungen.
Um die Frage, ob der Held sich seinem Schicksal entgegenstellen kann.

   Für Hänschen Klein ist das der Moment der Besinnung.

Und Else zeigt, dass es mit ihrer klugen Vorausschau nicht weit her ist. Hier erst lernen wir sie wirklich kennen:

Als sie den Hans eine Weile hatte, sprach er: „Frau, ich will ausgehen, arbeiten und uns Geld verdienen, geh du ins Feld, und schneid das Korn, daß wir Brot haben.“
„Ja, mein lieber Hans, das will ich tun.“
Nachdem der Hans fort war, kochte sie sich einen guten Brei und nahm ihn mit ins Feld. Als sie vor den Acker kam, sprach sie zu sich selbst: „Was tu ich? Schneid ich ehr, oder eß ich ehr? Hei, ich will erst essen.“

Vom Essen ist sie dann natürlich so müde, dass sie erst schlafen muss, und zwar so ausgiebig, dass sie nicht mal mehr rechtzeitig vor Hans’ Ankunft nach Hause kommt.

  • Doch halt – es hätte noch alles gut gehen können!
    Am Ende des vierten Aktes steht möglicherweise:
    Moment der letzten Spannung

Der Hans war längst zu Haus, aber die Else wollte nicht kommen, da sprach er: „Was hab ich für eine kluge Else, die ist so fleißig, daß sie nicht einmal nach Haus kommt und isst.“

Akt 5: Katastrophe

Wir wissen bereits, dass dem nicht so ist.
Und Hans muss es auch feststellen, als er sie schlafend neben dem ungeschnittenen Korn vorfindet.
Er rächt sich bitterlich.
Als sie endlich aufwacht fragt sie sich, vom Schlaf verwirrt, ob sie wirklich die Kluge Else ist: „Bin ich’s, oder bin ich’s nicht?“

Sie lief vor ihre Haustüre, aber die war verschlossen. Da klopfte sie an das Fenster und rief: „Hans, ist die Else drinnen?“ – „Ja“, antwortete der Hans, „sie ist drinnen.“ Da erschrak sie und sprach: „Ach Gott, dann bin ich’s nicht“, und ging vor eine andere Tür.

Niemand will ihr aufmachen.

Da lief sie fort zum Dorf hinaus, und niemand hat sie wieder gesehen.

In dem Märchen ist das die gerechte Strafe – weniger für ihre Zögerlichkeit als dafür, dass sie ihre Chance nicht ergreift und ihrem Hans eine gute Ehefrau und Partnerin ist.

Das ist wichtig: Wenn eine Geschichte tragisch endet, muss es dafür gute Gründe geben, einen wirkliche Ausgleich zwischen den Gegensätzen – sonst sind die Leserinnen und Zuschauer enttäuscht.

Bei Hänschen dagegen wird alles gut: Er kehrt nach Haus geschwind. Dort gibt es ein gutes Abendbrot und ein weiches Bett. Darin liegt er, unser Held, und träumt schon vom nächsten großen Abenteuer …

Quellen und weitere Informationen:
Tilman Krause, Seid endlich gerecht zu Gustav Freytag!
Gustav Freytag, Die Technik des Dramas. Neuauflage u.a. beim Autorenhausverlag (2016). Bild: Alte Nationalgalerie Berlin/wiki commons
Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm: Die kluge Else