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Die alltäglichen Dinge

Dinge können schön sein oder hässlich, unverzichtbar, überflüssig, unpraktisch, lästig, geliebt, neu, funktional, gebraucht, begehrt, altmodisch. Ihr Besitz ist mitunter bedeutsam, verräterisch oder widersprüchlich. Sie können nicht sprechen – doch wenn wir die Dinge anschauen, die uns umgeben, wenn wir sie benutzen, wenn wir uns und anderen ihre Geschichten erzählen, erfahren wir dabei etwas über uns selbst.

Wir leben in einer scheinbar perfekten Welt und bewegen uns darin nach Belieben. Wir kaufen schöne Dingen und gestalten unsere Umgebung. Unser Paradies auf Erden ist angefüllt mit tausendfach gleichen Puppenwagen, Topfdeckeln, Kaffeekannen, Kugelschreibern, Telefonen, mit Architekten-Häusernund Designer-Sofas.

Viele unter uns sind noch gar sehr sentimental; wenn sie mit einem Gegenstand eine Zeitlang gelebt haben, dann haben sie mit ihm kein Verhältnis gehabt, sondern sie sind mit ihm verheiratet gewesen –

Kurt Tucholsky alias Peter Panther, 1930

Kurt Tucholsky war nicht nur ein genialer Schreiber, er war auch ein großer Moralist – und reiste mit leichtem Gepäck durchs Leben. Sollen wir seinen Mahnungen folgen, uns an ihm ein Vorbild nehmen?
Aber ist es denn nicht einfach schön, Dinge zu haben, deren Geschichten wir kennen, die uns erinnern? Und so manches, vorsichtshalber, doch noch einmal zu bewahren?

In neunundneunzig Fällen von hundert lohnt es sich nicht, ein Ding aufzubewahren. Es nimmt nur Raum fort, belastet dich; hast du schon gemerkt, dass du nicht die Sachen besitzt, sondern dass sie dich besitzen?

Kurt Tucholsky alias Peter Panther, 1930

Die Industrialisierung und mit ihr das große Projekt der Moderne hat das Ziel, ein gutes Leben für alle Menschen zu ermöglichen, in einer freien, demokratisch organisierten Gesellschaft. Im Bestreben, alles immer weiter zu verbessern, haben wir die Dinge verändert und mit ihnen die Welt.

Sammeltassen, Alka-Bavaria, 1950er Jahre, ausgestattet mit reicher Verzierung und Goldrand. Solches Geschirr hatte es lange Zeit nur auf den Tischen von Fürsten und reichen Bürgern gegeben. Durch die industrielle Herstellung wurde es möglich, dass auch weniger Begüterte auf solch prächtige Dinge sparen und damit ihre Kaffeetafel decken konnten.

Wenn wir den Geschichten der Dinge nachspüren, beschäftigen wir uns auch mit unserer eigenen Geschichte – und können daraus neue Perspektiven, Alternativen, neue Standpunkte entwickeln. Dann ist eine Tasse eben nicht nur eine Tasse, sie bekommt Bedeutung. Sie erzählt uns etwas über dieWünsche und Träume vergangener Generationen, über andere Lebenswelten: Wie eswar, wie es ist, wo wir herkommen, wohin wir gehen wollen.


Zitate aus: Kurt Tucholsky (Peter Panther), „Das kann man noch gebrauchen –!“, erschienen am 19.8.1930 in der Neuen Leipziger Zeitung

Möbel aus Schweden

Wir haben geerbt.
Solange sich das Regal der beiden schwedischen Designer Kerstin und Nisse Strinning noch sicher im Haushalt meiner Schwiegereltern befand, sagten wir natürlich, dass wir es sehr gerne übernehmen wollten. Als es dann ernst wurde und wir es abholen sollten, fragten wir uns, ob nicht unsere Nichte es ebenso gerne haben wollte, mit ihrem Faible für Design und Vintage-Möbel —
Sie lehnte dankend ab.

Auch meine Eltern hatten ein solches String-Regal in ihrem Wohnzimmer. Das nahm mein Vater mit, als er Mitte der 1960er Jahre in eine andere Wohnung zog und meine Mutter, meine Schwester und mich, die Waschmaschine und das Mahagoni-Schlafzimmer zurückließ.

Das Regal war wahrscheinlich das, was sich am besten in einem Fiat 500 transportieren ließ: Zusammengelegt besteht es aus ein paar Leitern, ein paar Brettern, und die Einhängeschränke sind auch nicht allzu voluminös. Ein klassisches System-Möbel eben: Beliebig erweiterbar, flexibel einzusetzen, raumsparend in Transport und Lagerhaltung.

Eine Anschaffung fürs Leben

Es gab in dieser Zeit — den Jahren des sich entfaltenden Wirtschaftswunders — keine besonders große Auswahl an Möbeln, die dem Lebensstil einer modernen jungen Familie angemessen waren. So ist es wenig verwunderlich, dass das String-Regal sich sowohl bei meinen Schwiegereltern als auch bei meinen Eltern fand.
Ein solches Möbel war eine Anschaffung fürs Leben — und darüber hinaus zum Vererben, solide und zeitlos schön: Diese Überlegung war eine Selbstverständlichkeit in dieser Zeit, in der die Konsumgesellschaft sich erst zu entfalten begann.

Es wurde auch nicht unbedingt als Ganzes gekauft, dafür war es zu teuer. Man erwarb dieses Regal Stück für Stück: Zunächst gab es zwei oder drei Leitern und einige Böden, die feierlich an einer der noch kahlen Wohnzimmerwände angebracht wurden. Es kamen weitere Leitern hinzu, man sparte auf einen Schrank oder eine Vitrine. Es ließen sich Nachttische aus den einzelnen Teilen zusammenstellen und Garderoben, platzsparende Arbeitsplätze im Wohnzimmer unterbringen sowie die wachsende Bibliothek der Rowohlt-Rotations-Romane: Werke der Weltliteratur und von Autoren der Weimarer Zeit zeugten von Weltoffenheit und Bildungshunger dieser Generation, die im Faschismus aufgewachsen war und nun die Kultur der Moderne für sich entdeckte.

Und das bedeutete vor allem: Von industriell gefertigten Dingen, die sich in den engen Wohnungen dieser Zeit nicht allzu breit machten, weder in ihrer räumlichen Ausdehnung noch durch gestalterische Auffälligkeiten. Praktisch, schlicht, sachlich und schnörkellos — das waren die Eigenschaften, die modern eingestellte Leute von einem Möbel erwarteten. Man sollte ihm seine Herkunft aus der seriellen Produktion durchaus ansehen.

Dabei steckt in diesen frühen Original-Regalen noch sehr viel Aufwändiges in Bezug auf Material und Fertigung: Die seitlichen Haken sind aus Messing gefertigt, bündig von unten in die Böden eingelassen und eingeschraubt. Auf der einen Seite sind sie mit Scharnieren versehen, weil man sonst die Böden nicht zwischen den Regalleitern mit ihren engen Abständen einhängen kann.

Die ringförmigen Griffe der Türen sind kunstvoll hinterlegt — bei unserer Ausgabe finden sich noch die Anzeichnungen der Handwerker darauf, die sie in die glatten Flächen einfügten.
Gerade das aber macht sie so schön und besonders, gibt dem Gebrauch eine Sinnlichkeit, die der optimierten Neuauflage fehlt. Alles lässt sich nun noch schneller fertigen, mit weniger Handgriffen und mehr Maschinenarbeit.

Maschinenstil

Das String-Regal und seine Möbelgeschwister aus den 1950er und 1960er Jahren entsprachen dem, was sich Gestalter früherer Jahrzehnte erträumt hatten, vom „Maschinenstil“ im Zeitalter der Moderne, einer den neuen Materialien und Herstellungstechniken angemessenen Gestaltung.
Der österreichische Architekt Otto Wagner etwa hatte am Ende des 19. Jahrhunderts, in dem die industrielle Produktion ihren Siegeszug begann, die Verwendung altdeutscher, gotischer oder fernöstlicher Stilelemente kritisiert, mit denen die Architekten neu gebaute Häuser dekorierten. Er forderte einen neuen Stil:

Alles modern Geschaffene muss dem neuen Materiale und den Anforderungen der Gegenwart entsprechen, wenn es zur modernen Menschheit passen soll, es muss unser eigenes besseres, demokratisches, selbstbewusstes, unser scharf denkendes Wesen veranschaulichen und den kolossalen technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften sowie dem durchgehenden praktischen Zuge der Menschheit Rechnung tragen — das ist doch selbstverständlich!

Otto Wagner, 1896

„Selbstverständlich“ waren für ihn nicht nur die Entwicklung neuer Gestaltungskriterien und der Stolz auf die technische Entwicklung, sondern auch die Entwicklung der Menschen zu vernünftigen, „scharf denkenden“ Wesen in der Folge der Aufklärung — und genauso selbstverständlich stellte er auch eine Verbindung her zwischen dem „modern Geschaffenen“ und der Demokratie.

Dieser Neustil, die Moderne, wird, um uns und unsere Zeit zu repräsentieren, eine deutliche Änderung des bisherigen Empfindens, den beinahe völligen Niedergang der Romantik und das fast alles usurpierende Hervortreten der Zweckerfüllung bei allen unseren Werken deutlich zum Ausdrucke bringen müssen.
Dieser werdende, uns und unsere Zeit repräsentierende Stil, auf angedeuteter Basis aufgebaut, bedarf, wie alle vorangegangenen, zu seiner Entfaltung der Zeit.

Otto Wagner 1896

Nun war er also da, dieser „Neustil“, gemeinsam erarbeitet von Künstlern, Architekten und engagierten Unternehmern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch in den 1950er Jahren hatte er sich nicht allgemein durchsetzt, doch auch das war eine Frage der Zeit.

Danach allerdings zeigte sich die Gefräßigkeit der Maschinen und die Lust der Menschen an kreativer Veränderung: Sie ließen es nicht zu, dass es bei diesem Zustand des anscheinenden Gleichgewichts blieb, in dem sich der industrielle Stil und die damit verbundene Fertigungsweise zwar durchgesetzt hatte, die Dinge selbst aber noch einen bleibenden Wert hatten.

Bloß nichts mit Mahagoni

Gerade im postfaschistischen Deutschland war die Sehnsucht unter den jungen Erwachsenen groß, die Traditionen hinter sich zu lassen und mit etwas Neuem zu beginnen — und zwar radikal, von der Wurzel her.
So hatte meine Mutter nach dem Verlust von Mann und Regal nichts eiligeres zu tun, als nun auch das Mahagoni-Schlafzimmer los zu werden, den Teil ihrer Aussteuer, den sie stets als Zumutung empfunden hatte. Doppelbett, Schrank, zwei Nachttische, Kommode, alles solide Tischlerarbeit, verschwanden ebenfalls aus unserem Leben. Die moderne Frau umgab sich mit modernen Möbeln. Sie kam sehr gut aus ohne das bürgerliche Repräsentationsgehabe ihrer Eltern, ohne Hochglanzpolitur und die Wuchtigkeit überlieferter Möbelkombinationen.

Zwar herrschte nach wie vor die Vorstellung, bei Möbeln handele es sich um langlebigen Konsumgüter, auf deren Erwerb hin gespart und gefiebert wurde — aber das galt selbstverständlich nicht für das überkommene Alte. Auch Minderwertiges oder gar Stilloses hatte in unserem Haushalt nichts zu suchen, höchstens die ein oder andere Improvisation an Stelle dessen, was irgendwann endlich doch angeschafft werden konnte.

Noch glaubte meine Mutter — und mit ihr viele andere — sie könne sich den Verlockungen wie dem Zwang der Konsumgesellschaft entziehen.
Doch Maschinen sind, wie gesagt, gefräßig. Sie sind hoch entwickelt und teuer, sie führen kleine Arbeitsschritte im durchgeplanten Produktionsprozess aus, sie arbeiten ununterbrochen und stellen Dinge her in solcher Menge, dass wir Menschen sie gar nicht verbrauchen können. Dafür wollen sie gefüttert werden mit Rohstoffen und Energie in Massen, so dass über kurz oder lang unsere Welt daran zugrunde gehen wird — und sie zwingen noch immer diejenigen Menschen, die sich im Arbeitsprozess befinden, sich ihrem Tempo anzupassen und so ununterbrochen zu arbeiten, wie es diesen unvollkommenen biologischen Maschinen nur möglich ist.

Wie konnte das geschehen? Was ist aus den wunderbaren Utopien des beginnenden Maschinenzeitalters geworden, die da besagten: Wenn die Maschinen uns erst einmal die unliebsame Arbeit abgenommen haben, werden wir Menschen frei sein, das zu tun, was uns gefällt?

Ich habe die Hoffnung, dass gerade die Vervollkommnung der Maschinen in einer Gesellschaft, die nicht unbedingt auf Vermehrung der Arbeit, sondern auf Vermehrung des Lebensgenusses aus ist, hoffentlich zu einer Vereinfachung des Lebens und somit auch zu einer Begrenzung der Zahl der Maschinen führt.

William Morris, 1884

Wir jedenfalls haben uns entschieden: Das String-Regal bekommt einen Platz an einer unserer Wände. Dafür muss Ivar weichen.
Den wird zum Glück unsere Tochter übernehmen, er steigt ab in ihren Keller, wird vom Bücherregal zum Aufbewahrungsort für Kisten, Werkzeug und Vorräte.

Wir dagegen freuen uns an der alten, neuen Errungenschaft. An ihren scheinbaren Unvollkommenheiten, den klemmenden Scharnieren, den Spuren der manufakturellen Fertigung, den Erinnerungen, an ihrer Geschichte — und an dem damit verbundenen Wissen, dass die Welt auch anders aussehen kann.
Und darüber können wir nachdenken.

Zitate Otto Wagner
Otto Wagner, Der Stil, in: Otto Wagner, Die Baukunst unserer Zeit. Dem Baukunstjünger ein Führer auf diesem Kunstgebiete. Wien 1914. Zitiert nach: Volker Fischer, Anne Hamilton (Hrsg.), Theorien der Gestaltung, FRankfurt 1999

Zitat William Morris
William Morris, Wie wir leben und wie wir leben könnten, S. 156, Köln 19839
Alle Fotografien: Christiane Wachsmann 2018

Die Blumen müssen draußen bleiben

Über Zäune und unser Misstrauen gegenüber der Natur

Auf dem Zaun sitzt die Hagezusse, die Hexe, die Zaunreiterin: Eine weise Frau, Grenzgängerin zwischen der wilden Natur und der geordneten Kultur.
Das war früher, als die Inseln in der Wildnis noch klein waren und die Menschen sich erstmals an festen Orten niederließen. Damals begannen sie, sich ein Stück Sicherheit zu schaffen, wilde Tiere und fremde Menschen auszusperren und sich innerhalb der selbst gesteckten Grenzen eine kleine, geordnete Welt einzurichten.

Sie rodeten den Wald, umzäunten ein Stück Land mit Dornenhecken, geflochtenen Weidenzäunen oder kunstvoll aufgeschichteten Bruchsteinmauern. Sie züchteten Schafe, Ziegen, Hühner, die sie in den überschaubaren, nun von der Natur abgegrenzten Gebieten einsperrten, bauten Salat und Gemüse an und hielten die Wildkaninchen davon ab, sich daran gütlich zu tun.

Nur die Katzen, die Hexentiere, ließen sich weder ein- noch aussperren. Sie passierten die Zäune durch Löcher oder sprangen hinauf mit einem Satz, folgten ihren eigenen Regeln, verschwanden in der Wildnis und tauchten frühmorgens wieder auf, einäugig mitunter oder mit zerrissenem Ohr, um in der Sicherheit der Umfriedung ihre Wunden zu pflegen.

Einen Zaun zu bauen, machte viel Arbeit. Pfähle mussten hergestellt und gesetzt werden, Latten gesägt und angebracht oder widerspenstige Zweige ineinandergeflochten. Stand der Zaun einmal an einem Ort, ließ er sich nicht mehr bewegen. Große Gebiete ließen sich damit nur schwer absichern, Viehweiden zum Beispiel. Schäfer zogen deshalb mit ihren Tieren über weite Strecken. Noch heute ist die karge Landschaft der Schwäbischen Alb von ihnen geprägt, wo allein die Wachholderbüsche und anderes stacheliges Gestrüpp vor dem Hunger der Schafe sicher sind. Die mobilen Zäune der Schäfer waren ihre Hunde, die die Herden umkreisten und dafür sorgten, dass kein Tier verloren ging. Kuhhirten und Hütekinder waren für die Rinder zuständig. Sie gehörten zu den Ärmsten der Gesellschaft und mussten bis in die kalte Jahreszeit oft barfuß laufen. Heute tun Elektrozäune deren Arbeit. Sie sind leicht zu versetzen, wenn die Tiere mal auf eine andere Weide sollen und ein Beweis dafür, wie findig wir Menschen sind und wie es uns immer wieder gelingt, ein Stück Natur zu zähmen.

Schon der Drahtzaun ohne Strom war ja eine Errungenschaft. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war Draht als Werkstoff viel zu kostbar, um ihn für die massenhafte Herstellung etwa von Maschendraht zu verwenden. Doch dann kam die Industrialisierung und mit ihr ein größeres Angebot an Rohstoffen, neue Formen der Energiegewinnung und eine Technik, die das kontinuierliche Ziehen von Draht erlaubte. Es war nun weniger mühsam und teuer, einen Zaun aufzuspannen, und so gehörten Maschen- wie auch Stacheldrahtzäune schon bald zum ländlichen Ambiente.

Gerade diese Zäune zeigen Grenzen und bieten Schutz. Ihr Drinnen und ihr Draußen sind mitunter relativ: Der knurrende Hund, die angriffslustigen Gänse stören uns nicht allzu sehr, solange der Zaun sie zurückhält. Dann sind wir froh, uns auf der richtigen Seite zu befinden.

Für Kinder – aber nicht nur für sie – haben Zäune den Reiz des Verbotenen, Unbekannten. Nichts ist interessanter als ein Loch im Zaun, eine Möglichkeit, hinüberzuklettern. Der Garten kann noch so groß sein: Sie werden immer wissen wollen, was sich jenseits seiner Grenze verbirgt. Die Durchsichtigkeit eines Zaunes, die ihn von einer Mauer unterscheidet, regt die Phantasie an. Was könnte das sein, was dort hinter den Büschen hervorblitzt? Der Wasserspiegel eines verborgenen Teiches? Ein blaues, von seinem Besitzer zurückgelassenes Auto?

Je dichter die Landschaft besiedelt wurde, umso wichtiger wurden die Zäune als Grenze zwischen benachbarten Grundstücken. Während die Vögel mit ihrem Gesang die Hoheit über ihr Revier für sich beanspruchen – das dann genau so groß ist, wie ihre Stimme reicht – wollen wir Menschen sichtbare, feststehende Zeichen dafür haben, wo das eine Gebiet endet und das andere beginnt. Grenzsteine markieren so etwas nur punktuell und hindern niemanden, die gedachten Linien zu überschreiten, die sie verbinden.

Ein Zaun dagegen ist eine wirkliche Trennung. Er lässt sich nicht ohne weiteres überwinden, schafft ein Hier und ein Dort, ein Hüben und Drüben. Wenn zwei sich über den Gartenzaun hinweg unterhalten, bewahren sie Distanz. Jeder befindet sich auf seinem eigenen Gebiet – und schaut gleichzeitig hinüber, lässt sich anregen. Wie kommt es, dass der nachbarliche Rhabarbar in diesem Jahr so viel besser gedeiht als der eigene? Müssen die jetzt auch noch Hühner halten, womöglich mit einem nervigen Hahn? Wie geht es der Mutter, die in den letzten Jahren noch im Garten half? Wenn nur die vielen Unkrautsamen wären, die ständig herüberzuwehen scheinen und sich um Zaun und Hecke wenig scheren … Gerade dort, wo die Grundstücke klein und die Vergleichsmöglichkeiten groß sind, in den Schrebergärten, wächst auch das Konfliktpotential. Solche Kleingartenkolonien entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Bevölkerung explodierte. Es gab immer weniger Platz für die Menschen und die Armut in vielen Gebieten nahm zu. Ein kleines Stück Land mit der Möglichkeit, wie in einem Bauerngarten Obst, Gemüse und ein paar Blumen anzubauen, war da vielen eine Hilfe.

Doch genau dort, wo es eng ist und jeder unter Beobachtung steht, wird es schwierig, Großzügigkeit zu bewahren und die Eigenheiten der anderen zu tolerieren – und so hat es schon handgreifliche, mitunter tödliche Auseinandersetzungen über den richtigen Schnitt einer Hecke gegeben.

Da hatten es die wohlhabenden Bürger einfacher. Als sie sich zu Ende des 19. Jahrhunderts in neu errichteten Gartenstädten und Villenkolonien in der Nähe der alten Städte ansiedelten, ließen sie ihre Häuser mit repräsentativen Vorgärten und ebensolchen Zäunen ausstatten. Vor allem Schmiedeeisen war nun als Material angesagt, gerne mit vergoldeten Spitzen und Blattornamenten. Vorbilder dafür waren die prächtigen Schlosstore und Zäune aus der Zeit des Feudalismus. Zusammen mit den Häusern entwarfen Architekten Zäune im gotischen oder klassizistischen, bald auch im Jugendstil.

Sie dienten nun nicht mehr dazu, die feindliche Natur draußen zu halten, sondern als Grenze zwischen Grundstück und öffentlichem Raum. Die Bepflanzung und Pflege der Vorgärten zeugten von Wohlhabenheit und Besitzerstolz, Nutzpflanzen hatten dort keinen Platz mehr.

Diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren fortgesetzt: Inzwischen gibt es in vielen Vorgärten gar keinen Platz mehr für Pflanzen, abgesehen von der ein oder anderen Ziergrasstaude oder einem japanischen Ahorn, der seinen Schatten auf bekieste oder gepflasterte Flächen werfen. Steinkugeln oder – alternativ – perfekt getrimmte Buchsbaumkugeln erhöhen den Eindruck perfekter Künstlichkeit, die nur allzu leicht in gestalterische Öde umschlägt.

Wir haben die Natur gezähmt, müssen uns weder diesseits noch jenseits des Zaunes vor ihrem übergriffigen Wachstum fürchten. Löwenzahn und Moos werden aus den Ritzen gekratzt, die Flächen zwischen den einzelnen Büschen und Stauden penibel frei gehalten, das Laub von Bürgersteig und Beeten geblasen und auf den Recylinghof gekarrt. Alles ist sauber, steril.

Die Hagezusse hat sich in die Naturschutzgebiete verzogen, die jetzt so umzäunt sind und vor den Übergriffen ordnungswütiger Menschen geschützt werden müssen wie früher die Gärten und andere Kulturschutzgebiete vor der Natur.

Was hatten die eigentlich gegeneinander?

Viktor Papanek und die Hochschule für Gestaltung Ulm

In seiner Ausstellung „Victor Papanek. The Politics of Design“ würdigte das Vitra Museum in Weil am Rhein im Frühjahr 2019 das Lebenswerk Victor Papaneks.

Eines der Exponate ist ein Dosenradio, das Papanek in den 1960er für die damals so genannte „Dritte Welt“ entwickelte und bei seinem einzigen Besuch an der Ulmer Hochschule für Gestaltung dort vorstellte.

1 Papaneks Transistorradio besteht aus einer gebrauchten Blechdose mit Wachs und einem Docht, einer handgewebten Kupferradialantenne, einem Ohrstöpsel-Lautsprecher und einem alten Nagel für die Erdung der Konstruktion. Die Verzierung des Gerätes mit Filz und Muscheln stammt von einem indonesischen Benutzer.

In seinem Buch „Design for the real world“ berichtete Papanek 1973 von diesem Besuch und dem allgemeinen Unverständnis, auf das er mit diesem Konzept stieß. Er ging sogar so weit zu behaupten, die Ulmer hätten einen grauen Anstrich des Radios vorgeschlagen, damit es nicht so hässlich sei.

Die Weltverbesserer

Für uns Nachgeborene ist es zunächst erstaunlich, dass sich die HfG-Designer und einer wie Papanek so gar keine Anknüpfungspunkte fanden. Beide hatten vieles gemein — etwa die Auffassung, dass Design und Politik etwas miteinander zu tun haben. Beide sahen das Design als Möglichkeit, die Welt zu verbessern, die sich in den 1970er Jahren in keinem sehr viel besseren Zustand befand als in der heutigen Zeit.

2 Taschenempfänger T3, Entwurf: Hans Gugelot / Dieter Rams, 1958

In Deutschland — sei es an der HfG, sei es im Deutschen Werkbund, unter Architekten und Industriedesignern allgemein — war man der Auffassung, es sei die Aufgabe von Gestaltern, für die Menschen eine bessere Umwelt zu planen: Durch gut gestaltete Gegenstände und Umgebungen sollten sie zu einem vernünftigen und guten Leben erzogen werden.

Papaneks Konzept war sehr viel weiter gefasst:

„Tausende von Jahren lang haben Philosophen, Künstler und Designer über das ,Bedürfnis nach Schönheit’ diskutiert, oder über den ästhetischen Wert der Dinge, die wir benutzen und mit denen wir leben. Man muss nur aus dem Fenster schauen, oder sogar zurück in eigenen Raum, um zu sehen, wohin dieses Vorurteil über das Aussehen der Dinge uns geführt hat: Die Welt ist hässlich, und gut funktionieren tut sie auch nicht!“

Victor Papanek, 1973

In seinen Augen waren alle Menschen Designer:

Alles, was wir tun, fast die ganze Zeit, ist Design, denn das ist die Grundlage jeder menschlichen Tätigkeit. (…) Mit Design kann die Komposition eines epischen Gedichtes ebenso gemeint sein wie die Arbeit an einem Wandbild, einem Gemälde, einem Konzert. Aber Design bedeutet es auch, eine Schublade zu reinigen und die Dinge darin neu zu ordnen, einen kaputten Zahn zu ziehen, eine Apfeltorte zu backen, die Mannschaften für ein Hinterhof-Baseballspiel zusammenzustellen oder ein Kind zu erziehen. Design ist die bewusste Anstrengung, eine sinnvolle Ordnung herzustellen.

Victor Papanek, 1973

Papanek teilte durchaus die Ansicht der HfG-Gestalter, man könne die Welt mithilfe von Design verbessern — nur sollten seiner Meinung nach alle Menschen daran mitwirken. Dabei hatte er die Selbstorganisation von natürlichen Prozessen vor Augen: Durch verantwortliches Handeln und eine gute Zusammenarbeit unter den Menschen, so glaubte er, könne die Welt in einen besseren Zustand gebracht werden.

Die alte und die neue Welt

Deutlich zeigen sich dabei zwei sehr unterschiedliche Positionen: An der HfG die der Welt des alten Europa, in der die Menschen in ihrem Handeln über Jahrhunderte hinweg „von oben“ gesagt bekamen, was sie zu tun und was sie schön zu finden hatten, dafür aber auch aufgehoben waren in einem festen gesellschaftlichen System — Und dort die Neue Welt, die für Papanek in den 1930er Jahren zur Heimat wurde: Hier setzt man eher auf das freie Spiel der Kräfte und vertraut darauf, dass sich aus der Summe der Handlungen und Vorstellungen der Einzelnen ein funktionierendes System ergibt.

Ausstellung
im Vitra Design Museum: Victor Papanek. The Politics of Design 29.09.2018 – 10.03.2019

Fotos:
1 Transistorradio. Abbildungen aus: Papanek, Design for the real world, S. 190/191
2 Transistorradio Braun. Foto: Wolfgang Siol/HfG-Archiv Ulm

Literatur:
Victor Papanek, Design for the real world. Toronto/New York/London, 1973. S. 189 ff., S. 324. (Übertragung der Zitate ins Deutsche durch die Autorin)

Tüllen und Tropfenfänger

Wissenschaft, Design und die Hochschule für Gestaltung Ulm

Unaufhaltsam rinnt er das glatte Porzellan hinunter, trifft auf weißen Stoff und breitet sich darin aus: Der Tropfen aus der Kaffeekanne. Oder der Teekanne. Oder, nicht ganz so gut sichtbar, aber nicht minder fatal, aus dem Milchkännchen.
Ein Ärgernis für die Hausfrau — und ein Grund für den Designer, sich was einfallen zu lassen in puncto Tülle.

1 Der Tropfenfänger sorgt dafür, dass die Tischdecke keine Flecken bekommt.

Was sagt die Wissenschaft?

Sicher ist es gut, zunächst mal wissenschaftliche Untersuchungen zu Rate zu ziehen. Gerade das war ja eine der wichtigen Neuerungen, die die Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) Ende der 1950er Jahre unter der Federführung von Tomás Maldonado in die Arbeit der Designer einbrachte.
Der Ingenieur Heinz Herwig behandelt in seinem Buch „Ach, so ist das“ thermofluiddynamische Alltagsphänomene, darunter auch tropfende Kannen:

Direkt nachdem der Strahl am Austritt unterbrochen wurde, fließt das in der Tülle verbliebene Fluid in die Kanne zurück, während der abgetrennte Rest nach außen weiterfließt. Dabei entscheidet sich nun, ob bei dieser Abtrennung, d. h. der endgültigen Strömungsablösung, Fluidreste am Tüllenaustritt haften bleiben, die sich dann unter der Wirkung der Fluidoberflächenspannung zu einzelnen Tropfen zusammenziehen und ggf. ihrerseits ablösen können.

Heinz Herwig

In dem Moment also, in dem wir die Kanne absetzen, „entscheidet sich“ ob sich der ein oder andere vorwitzige Tropfen bildet, der sich dann auf den Weg in Richtung Tischdecke macht. Und wie entscheidet sich das? Ganz einfach — das lässt sich mit dem Youngschen Kapillargesetz berechnen:

σFG cos Θ = σGW − σFW

Dabei stellt sich dann heraus, dass für das Tropfen oder Nicht-Tropfen weniger die Form als die Oberfläche der Tülle von Bedeutung ist. Je fester das Material ist und je besser es das Wasser abweist, umso eher wird die Flüssigkeit nach dem Abstellen der Kanne in deren Innerem verschwinden.
Das funktioniert allerdings nur, wenn die Tülle auch wirklich sauber und glatt ist.

2 Dieser hübsche Milchkrug aus Steingut hat seine besten Tage gesehen. Mit der angestoßene Tülle wird das Ausgießen sicher nicht mehr gut gelingen — es sei denn, man klebt ein Stück wasserabweisendes Klebeband außen dran.

Funktion und Form

Doch auch die Form der Tüllenöffnung spielt für ihre Funktion eine Rolle. Wenn sie vorne eine scharfe Abrisskante hat, hören Tee und Kaffee brav auf zu fließen, sobald wir die Kanne absetzen.
Dabei ist es allerdings wichtig, mit Schwung zu gießen und entschieden wieder damit aufhören. Eine unentschiedene Handhabung der Teekanne führt dagegen unweigerlich zu Flecken, wie die Forschung beweist:

Offensichtlich hängt das Strömungsmuster von der Geschwindigkeit ab. Mit Schwung einzugießen gelingt anfänglich, wenn die Tasse dann aber fast gefüllt ist und man die Fließgeschwindigkeit reduziert, tritt das unerwünschte Strömungsmuster auf – und es tropft.

Frieder Mugele

Industrielle Perfektion — etwa bei der Gestaltung der Tülle —, setzt aber auch praktische Erfahrungen voraus. Also fragen wir doch mal bei den Handwerkern, in diesem Fall den Töpfern nach. Im „kalkspatz e.V. – Keramikforum“ schreibt Hille über die Gestaltung ihrer Teekannen:

Ich mache darüberhinaus die Tülle oben sehr dünn und ziehe die untere Seite des Ausgusses nach unten. Ob du dir das jetzt vorstellen kannst? Jedenfalls so, dass der Sabbeltropfen erst nochmal wieder nach oben wandern müsste, wofür er normalerweise zu faul ist.

Hille, Keramikforum

Ein weiterer Trick ist es, ein kleines Loch in die Tülle machen. Das hat den Effekt, dass die restliche Flüssigkeit per Osmose wieder in die Kanne zurückfließt.

Wissenschaft und Design

Wie aber steht es nun mit dem Design, nachdem alles so wunderbar wissenschaftlich und genau untersucht ist. Wird es sich da nicht automatisch ergeben, wie die optimale Tülle auszusehen hat?

Zunächst ist die Frage danach, ob eine Kanne tropft oder nicht, ja nicht das einzige Gestaltungskriterium. Da lässt sich gleich ein ganzer Katalog entwickeln: Was soll ausgegossen werden, in welcher Menge, wie passt die Tülle zum Rest des Kruges, wie sieht ein guter Henkel aus — Spätestens da beginnt eine neue Untersuchung, werden eigene Experimente fällig.

4 Womit gießt es sich am besten? Welche Kanne ist für welche Flüssigkeit geeignet, welche lässt sich am besten greifen und — last but not least – welche gefällt uns am besten?

Der Entwurfsprozess selbst kann von wissenschaftlichen Untersuchungen und einer gewissen Systematik im Vorgehen profitieren. Nicht nur an der HfG Ulm wurde das in den 1960er Jahren auf die Spitze getrieben: Die Hochschule und ihre theoretische Ausrichtung waren ein Teil des internationalen Design Methods Movement, das allerdings Ende der 1960er Jahre wieder an Bedeutung verlor.
Denn es zeigte sich eben doch, dass der kreative Prozess sich durch wissenschaftliche Untersuchungen zwar anregen, aber keineswegs steuern lässt. Und dass es neben dem klassischen, oft zitierten Gestaltungs-Kriterium der Funktion (form follows function) auch andere Dinge gibt, die den Entwurfsprozess beeinflussen. Selbst die Frage nach den Bedürfnissen der Verbraucher lässt sich noch in ein wissenschaftliches Kleid hüllen — durch die Auswertung der zahlreichen Umfragen, mit denen wir konfrontiert werden.

Doch was gute Gestaltung letztlich ausmacht, ob wir als Einzelne eine Kaffeekanne gerne besitzen, gerne anschauen und vielleicht auch gerne benutzen — das hängt nur zum Teil damit zusammen, ob sie auch wirklich nicht tropft und auch sonst gut funktioniert.

5 Falls alles nichts nützt und wir die Kanne trotzdem lieben: Mit diesen hübschen Tropfenfängern lässt sich auf jeden Fall das Schlimmste verhindern!

Bild 1
Kaffeekanne und Milchkännchen Arzberg 1382, Blaublüten. Hersteller: Arzberg, 1931. Entwurf: Hermann Gretsch
Tropfenfänger „Für die Party mit Pfiff“, Hersteller: Fackelmann, 1950er Jahre

Bild 2
Milchkrug: Steingutfabrik Staffel, Limburg

Bild 3
Französisches Hotelporzellan, aufgenommen 2018

Bild 4
Türkisene Kanne: Porzellanmanufaktur Gloria — Anton Weidl, Altrohlau in Tschechien (1920-1945)
Glaskanne: Element aus Vorratsgeschirr ‘Kubus’, Hersteller: Vereinigte Lausitzer Glaswerke AG in Weißwasser, Entwurf: Wilhelm Wagenfeld, 1938
Blaugestreifte Kanne: Hersteller: HB-Werkstätten für Keramik, Entwurf: Hedwig Bollhagen
Kanne mit rotem Rand: Bauscher-Weiden 1938, Entwurf Heinrich Löffelhardt
Kanne aus rotem Ton: Griechenland 2016

Bild 5
Tropfenfänger „Für die Party mit Pfiff“, Hersteller: Fackelmann, 1950er Jahre

Zitat Herwig: Heinz Herwig, Ach so ist das! 50 thermofluiddynamische Alltagsphänomene anschaulich und wissenschaftlich erklärt. Heidelberg (Springer) 2014

Zitat Mugele: Frieder Mugele, Was tun, wenn die Teekanne tropft? Benetzungseigenschaften auf mikroskopischer Skala bestimmen das makroskopische Strömungsverhalten. Physik Journal 9, 2010, S. 18.

Forum Kalkspatz: https://www.kalkspatz.de/, letzter Aufruf am 3.1.2019

Weiterführende Literatur: Christiane Wachsmann, Vom Bauhaus beflügelt. Menschen und Ideen an der Hochschule für Gestaltung Ulm, Stuttgart 2018, S. 199 ff.

Alle Fotografien: Christiane Wachsmann 2018


Die Wiederkehr der Röschen

Über Sammeltassen und andere Widersacher des „guten“ Geschmacks

Es ist, als habe jemand das Blümchen-Geschirr von Tante Leni, die Schätze aus Großmutters Wohnzimmerschrank und einige Restposten aus den 1950er Jahren wild durcheinandergemischt und auf den Kaffeehaustischchen der Szene-Cafés verteilt. Zuckerdosen mit Dackelbeinen, stromlinienförmige Sahnekännchen, Tassen mit  Rosendekor, Untertassen mit Goldrand stehen dort einträchtig neben- und aufeinander und bieten uns ein hübsch anzusehendes Durcheinander anStilen, Formen und Funktionen.

1 Bevölkern neuerdings die Café-Tische: Vase, Kanne und Tassen zwischen 1930 und 1970

Wie hatte Adolf Loos, Architekt in Wien um die Wende zum 20. Jahrhundert, einst gegen solche Verirrungen gewettert. „Ornament und Verbrechen“ überschrieb er einen Vortrag, in dem er jede Art von Verzierung verdammte und allein die schlichte Oberfläche als Zeichen des guten Geschmacks gelten ließ. Selbstbewusst erklärte er:

„Ich habe folgende Erkenntnis gefunden und der Weltgeschenkt: Evolution der Kultur ist gleich bedeutend mit dem Entfernen des Ornamentes aus dem Gebrauchsgegenstande.“

Adolf Loos

Schuhe mit Lochmuster-Verzierungen, geschnitzte Möbelkanten, Tassen mit Blümchenmuster: Das alles war nicht nur ihm, sondern auch seinen Gestalterkollegen ein Gräuel. Woher aber kam diese Abneigung gegen jegliche Art von Verzierungen?

Die Idee, dass gut gestaltete Gebrauchsgegenstände sich vor allem durch ihre Schlichtheit auszuzeichnen hatten, hat in der Zeit der ersten Industrialisierung ihren Ursprung. Mit der Energie aus Dampf, Gas und Elektrizität war es seit dem ausgehenden 18. Jahrhundertmöglich, auch solche Dinge in großer Stückzahl herzustellen, die vorher handwerklich gefertigt wurden und durch ihre besondere Ausstattung zu etwas Kostbarem wurden: Durch eine Goldverzierung etwa, eine besondere Form, einaufwändig geschnitztes Muster.

Solche Dinge waren bis ins 19. Jahrhundert hinein den gehobenen Gesellschaftsschichtenvorbehalten gewesen, Fürsten und wohlhabenden Kaufleuten, die sich diese über die Funktion hinausgehende „Zutaten“ leisten konnten.

2 Bei den Aposteln der „Guten Form“ verpönt: Sammeltassen aus den 1930er und 1950er Jahren

Nun also gab es so etwas auch für die „kleinen Leute“, preisgünstig und in ausreichender Menge: Für die rasch anwachsende Zahl der Fabrikarbeiter und -arbeiterinnen, für Tagelöhner und Waschfrauen. Wer wollte sie daran hindern, sich vom Ersparten ein derart hochdekoriertes Geschirr zuzulegen und dann ander eigenen häuslichen Fürstentafel Platz zu nehmen? Zumal diese Menschen ja auch als Konsumenten gebraucht wurden: Wem sonst hätten die Fabrikanten ihre maschinengefertigte Ware in solch großen Mengen verkaufen sollen?

Der bürgerlichen, insbesondere der bürgerlich-gestalterischen Elite aber war dieser Kitsch, wie man solche Dinge nannte, dieser industriell gefertigte Schund, dieses So tun als ob ein Dorn im Auge. Die Aufklärung – so lautete die Auffassung vieler Intellektueller – habe den Europäern die Einsicht geschenkt, dass allein vernünftiges Handeln die Menschheit weiterbringen würde.

Doch schien sich diese Auffassung bei den Teilen der Bevölkerung, die sich aufeinmal verzierte Goldrandtassen einbildeten und womöglich beim Teetrinken den kleinen Finger abspreizten, nicht weiter verbreitet zu haben. Noch nicht. Denn wenn wir Adolf Loos glauben wollen, war es ja eine Sache der kulturellen Evolution, das Ornament zum Verschwinden zu bringen.

Und zunächst sah es auch so aus, als können das gelingen.

Seit 1907 war es vor allem der Deutsche Werkbund, eine Vereinigung von Künstlern, Architekten und Industriellen, der das Volk in gestalterischen Dingen zu bilden suchte. Unter anderem organisierten und gestalteten seine Mitglieder in den 1920er Jahren die Wanderausstellung „Form ohne Ornament“, und 1927 entstand auf ihre Initiative hin die Stuttgarter Weißenhofsiedlung mit ihren Musterbauten der Moderne.

3 Links hat es mit dem „Entfernen des Ornaments“ noch nicht wirklich geklappt – die Schlichtheit des weißen Porzellans aber kommt bei allen drei Tassen zur Geltung.

In der Zeit des Faschismus wurden solche Bestrebungen, den Volksgeschmack zu bilden, weiter fortgesetzt: Auch unter den überzeugten Nationalsozialisten gab es Entwerfer, die dem Ideal gut gestalteter Industrieprodukte anhingen, etwa den Keramiker Hermann Gretsch, dessen Geschirre und Bestecke noch heute den Rang von Klassikern haben.

Ende der 1940er Jahre war es dann der SchweizerArchitekt Max Bill, der mit seiner Wanderausstellung „Die gute Form“ diese Tradition fortsetzte. Er berief sich dabei unter anderem auf das Bauhaus und zeigte Dinge des alltäglichen Gebrauchs vom Kaffeelöffel bis zur Stadt: Lampen und Töpfe, Umwälzpumpen und Bügeleisen, Rasierapparate und Automobile, Gläser und Geschirr. Sie alle waren seiner Auffassung nach vorbildlich gestaltet und auf solide Art hergestellt; der Anschaffung wert und dazu geeignet, lange und ohne modische Abnutzungserscheinungen gebraucht zu werden.

Doch auf die Dauer ließ sich eine derartige Reduktion auf das rein Notwendige in der Formgebung nicht aufrechterhalten – und schon gar nicht durchsetzen. Mitte der 1960er Jahre beschäftigte sich der Philosoph Theodor W. Adorno in einem Vortrag mit der Frage, warum die Architektur der Nachkriegsmoderne so öde sei, so unsinnlich und ohne Geheimnis – und bezog dabei auch die Welt der Gebrauchsgegenstände ein, die im Sinne der strengen Vorgabe „form follows function“ entstanden waren. Adolf Loos habe zu seiner Zeit durchaus Recht gehabt, zwischen einer handwerklichen und einer industriellen Produktionsweise zu unterscheiden und eine entsprechende Gestaltung zu fordern, befand Adorno sechzig Jahre später – nur sei es nicht sinnvoll, auf Dauer zwischen einer zweckfreien Kunst und einer rein funktionalen Gebrauchskunst zu unterscheiden.

4 Das richtige Geschirr für die bürgerliche Tafel: Klare Formen und Farben und eine neue Interpretation des Ornaments

In den 1970er Jahren begann man sich denn auch wieder vom schlichten, farb- und musterlosen Stil des vorangegangenen Jahrzehnts zu entfernen – nicht aber von der Überlegung, dass es einen Unterschied zwischen „guten“ – weil der industriellen Herstellung angemessenen – und „schlechten“ Formen gebe, die sich als handwerklich gefertigte Kostbarkeiten ausgaben und doch „nur“ maschinell hergestellt waren. Von dieser Auffassung verabschiedeten sich die Gestalter erst in der darauf folgenden Postmoderne.

Die Teller und Tassen in unseren heutigen Cafés bergen ihre eigenen Geheimnisse. Sie können uns nicht erzählen, wer sie einst kaufte, ob sie täglich benutzt oder nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt wurden, wie oft sie in Kisten gepackt und umgezogen worden sind und unter welchen Umständen sie beim Trödler oder auf dem Flohmarkt landeten. Sie laden uns dazu ein, uns unsere eigenen Gedanken zu machen, mit dem Finger ihren Verzierungen nachzufahren, uns an Tante Leni oder die Großmutter zu erinnern und das Röschenmuster zu bewundern, das vielleicht ein geschickter Kunsthandwerker darauf pinselte, viel wahrscheinlicher aber mechanisch auf den Rand gedruckt wurde.

Die strenge Forderung nach „form follows function“, das Prinzip der „guten Form“, hat, so scheint es, ausgedient – oder nicht?

Vielleicht brauchen wir ja einfach nur andere Kriterien als diejenigen, die Adolf Loos vor 100 Jahren aufstellte. Er betrachtete das Ornament, die übermäßige Verzierung von Gegenständen, als Verschwendung von Material und Arbeitszeit und mahnte zur bürgerlichen Tugend der Sparsamkeit. Wir tun heute gut daran, über Nachhaltigkeit und ökologische Verträglichkeit von Produktionsprozessen nachzudenken.

„Wenn alle Gegenstände ästhetisch so lange halten würden, wie sie es physisch tun, könnte der Konsument einen Preis dafür entrichten, der es dem Arbeiter ermöglichen würde, mehr Geld zu verdienen und weniger lang arbeiten zu müssen.“

Adolf Loos

Und darüber lohnt es sich, und sei es angesichts eines Milchcafés in einer Goldrand-Tasse, auch heute noch nachzudenken.

5 Tassen und Becher in allen Formen und für alle Bedürfnisse

Bild 1
Sammeltasse, wahrscheinlich 1950er Jahre
Kanne: Porzellanmanufaktur Gloria — Anton Weidl, Altrohlau in Tschechien (1920-1945)
Vase: Fürstenberg Ehemalige Herzoglich Braunschweigische Porzellanmanufaktur in Fürstenberg (1918-ca. 1966), 1930er Jahre
Zuckerdose: Bremer Werkstätten für kunsthandwerkliche Silberarbeiten, wahrscheinlich 1930er Jahre
grüne Tasse: Rosenthal, um 1960

Bild 2
von links nach rechts: anonymes Design (wahrscheinlich 1930er Jahre), Tassen der Firmen Kronester (1950er Jahre), Kaiser (1950er Jahre)

Bild 3
von links nach rechts: Hutschenreuther Porzellan (um 1920),  Stapelgeschirr TC 100, Thomas-Rosenthal 1959. Entwurf: Hans Roericht, Hutschenreuther Porzellan (um 1920) und „Urania“, KPM (Entwurf: Trude Petri und Siegmund Schütz 1938)

Bild 4
Vase: Fürstenberg, nach 1918, wahrscheinlich um 1935
Zuckerdose: Bremer Werkstätten für kunsthandwerklicheSilberarbeiten, wahrscheinlich 1930er Jahr
grüne Tasse: Rosenthal, um 1960
orangene Tasse: Arzberg 3000 Sizilia, 1970. Entwurf: Hans Theo Baumann
Kanne: Bauscher-Weiden, 1938. Entwurf: Heinrich Löffelhardt

Bild 5
weißer Becher: „Färgrik“. IKEA, 2000er Jahre. Entwurf: Maria Vinka
Kanne: Bauscher-Weiden 1938, Entwurf: Heinrich Löffelhardt
rote Tasse: Alka-Bavaria, 1950er Jahre
weiße Tasse: Stapelgeschirr TC 100, Thomas-Rosenthal 1959. Entwurf: Hans Roericht
Papp-Becher: McDonalds 2018

Alle Fotografien: Christiane Wachsmann 2018

Fischteich

Diese Übung verdanke ich dem Schriftsteller Paul Schuster (1930 – 2004). Sie dient dazu, aus dem ganz persönlichen Fischteich eines jeden Ideen und Themen herauszufischen.
Als Angelhaken dienen dabei bestimmte Reizwörter, die wir wie Angelhaken auswerfen – welche Gedanken werden wir dabei finden? Was hakt sich fest?

Zu dem Wort Feuer zum Beispiel fällt jedem etwas anders ein – genau wie zu einer Badewanne, einem Fenster oder unseren Füßen.

Dazu benutzen wir ein Formular, auf dem verschiedene solcher Angelwörter zu finden sind sam genug Platz, um etwas hineinzuschreiben:

Wir nehmen uns fünf bis zehn Minuten Zeit und schreiben alles, was uns dazu einfällt – immer nur in Stichworten, als Erinnerungshilfe.

Dann geben wir das Formular an unseren Nachbarn weiter und lassen ihn ein Thema unterstreichen. Darüber schreiben wir die nächsten 20 Minuten. (Es ist immer gut, wenn jemand anderes das Thema auswählt, über das er mehr wissen möchte. Falls Ihr also nicht in der Gruppe schreibt, bittet am besten jemand anderes um Hilfe – und gebt ihm dafür eine Geschichte!)

Hier könnt ihr ein Fischteich-Formular herunterladen. Ihr könnt natürlich auch weitere Themen aussuchen und dazu schreiben, oder immer wieder Stichworte hinzufügen.

Quellen. Aquarelle: Christiane Wachsmann

Die Normseite

Die Normseite hilft Autoren, Lektorinnen und Redakteuren dabei, die Länge eines Textes einzuschätzen. Die 1.800 Anschläge entsprechen in etwa dem, was auf die Seite eines fertigen Buches passt.

Wer seinen Text so formatiert, kann auf den ersten Blick erkennen, ob er zehn oder zwanzig Seiten ausmachen würde, ob ein Buch 280 oder 800 Seiten hat.

Auch für Vorträge und Lesungen hilft die Normseite: Es dauert knapp zwei Minuten, um sie in angemessenem Tempo vorzutragen. Für einen Text von fünf Seiten benötigt man also zehn Minuten.

Das Layout der Normseite lädt zum Lesen ein; für Anmerkungen und Notizen bleibt Platz.

Hier die Einzelheiten:
– pro Zeile ca. 60 Anschläge (mal etwas mehr oder mal weniger, je nach der Länge der Wörter)
– Wörter werden nicht getrennt.
– pro Seite 30 Zeilen, Abstand ca. 1½-zeilig
– Auch Überschriften und freie Zeilen zählen mit: In der Praxis hat eine Normseite deshalb weniger als 1.800 Anschläge.
– Gut geeignet ist die Schrift Courier New, Größe 12 Punkt. Sie entspricht der alten Schreibmaschinen-Typografie und zeigt, dass es sich um ein Manuskript, keinen fertig gesetzten Text handelt. Außerdem lassen sich die Buchstaben besonders gut zählen, da sie alle gleich breit sind.
– Die Normseite wird in der Regel einseitig bedruckt – auch das erleichtert das Lesen und Redigieren. Für eigene Zwecke ist natürlich der papiersparende zweiseitige Druck erlaubt.
– Wichtig ist es auch, Seitenzahlen einzufügen. Sonst genügt ein Windstoß, um ein größtmögliches Chaos zu erzeugen.

Vom Bauhaus beflügelt

HfG-Gründer auf der Terrasse der Hochschule im August 1955. Die Dame in der Mitte ist Inge Aicher-Scholl, links von ihr sitzt Otl Aicher, rechts Max Bill.
Foto: Ernst Hahn/Hans Gugelot

In diesem Buch erzähle ich die Geschichte der Ulmer Hochschule für Gestaltung aus dem Blickwinkel der Persönlichkeiten, die sie bevölkerten und sich mit ihren Ideen auseinandersetzten – ihrer Gründer, der Studenten und Dozenten, von Besuchern, Fans und Kritikern. Es erzählt von den Hoffnungen und Visionen der Beteiligten, von der Prägung der Menschen dieser Zeit durch den Faschismus und von den Schwierigkeiten, ihre Ideen im Alltag umzusetzen.

Das Bild auf der Titelseite zeigt die Gruppe der HfG-Gründer im Jahr 1954: Die Aufbruchstimmung, die Freude am gemeinsamen Tun. Das Hochschulgebäude ist gerade unter viel Mühen fertig gestellt, nun können sie hier zusammen arbeiten, am Aufbau einer Demokratie in Deutschland, an der Gestaltung einer besseren Welt.

Fünfzehn Jahre existierte die HfG Ulm. Dargestellt habe ich ihre Geschichte in 14 Kapiteln, einem Vor- und einem Nachwort. Beim Schreiben habe ich mich genau an die zeitliche Reihenfolge gehalten – ohne „später sollte dies geschehen“ oder „von heute aus betrachtete lässt sich kaum noch nachvollziehen …“.

Wie kann ich es spannend machen?

Es lag mir daran, ganz dicht an den Personen zu bleiben. Ich wollte erzählen, was sie erlebten, wie sie handelten und reagierten. Sie kannten das Ende der Geschichte nicht — und als Autorin wie als Leserin kann ich mich durchaus in diesen Zustand hineinversetzen, wenn ich ihren einzelnen Schritten folge.

Das ist ein literarischer Ansatz, der auch einem Sachbuch gut ansteht – und für Spannung sorgt!

Fast mein ganzes Berufsleben beschäftige ich mich jetzt schon mit der HfG. Ich habe das HfG-Archiv aufgebaut, das inzwischen ein Teil des Ulmer Museums ist, habe zahlreiche Ausstellungen gemacht und zahlreiche Wissenschaftler bei ihren Forschungsarbeiten zu diesem Thema unterstützt. Aber warum?

Wie bin ich auf dieses Thema gekommen?

Meine Mutter gehörte der Generation der ersten HfG-Studenten an. Sie hatte dieselben Ideale – unter anderem die der Guten Form. Irgendwie befürchtete sie, nicht so gut gestaltete Gegenstände könnten den Charakter ihrer Töchter verderben.

„Für uns Kinder bedeutete das: Keine Comics, keine Filzstifte, Astrid Lindgren statt Enid Blyton, weiße Zimmerwände und auch sonst nichts, was in irgendeiner Weise unter Kitschverdacht stand. (Dazu zählten gemusterte sowie pink- oder violettfarbene Dinge, Plastikartikel, Goldschmuck, die Stilmöbel meiner Großmutter, Barbiepuppen, fast alles aus dem 19. Jahrhundert sowie die schwarzen Lackschuhe unserer Freundinnen.)“

Ich habe natürlich trotzdem Mickey Mouse gelesen (Asterix war dann später erlaubt, wahrscheinlich wegen der lateinischen Zitate). Ich glaube, es hat meinem Charakter nicht geschadet.

Die alltäglichen Dinge

Aber dann wollte ich der Sache doch einmal nachgehen. Und bei dieser Gelegenheit stieß ich nicht nur auf die HfG, sondern mit ihr auf die Geschichte der Industrialisierung, und damit auf die Geschichte und Geschichten der Dinge, mit denen wir uns umgeben.

Hochschule für Gestaltung Ulm. Architekt: Max Bill
Foto: Ernst Hahn

Vom Bauhaus beflügelt. Menschen und Ideen an der Hochschule für Gestaltung Ulm

Christiane Wachsmann
in Kooperation mit dem HfG-Archiv
296 Seiten, Hardcover, 40 s/w Abbildungen
29 €, im Buchhandel erhältlich
avedition Stuttgart

Studenten über dem Eingang der HfG Ulm, um 1960
Foto: Peter Emmer

Quelle: HfG-Archiv Ulm (Fotos)

Suppenwürfel

Liebigs Fleischextrakt. Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.

Kurt Tucholsky, Rezension des Romans „Ulysses“ von James Joyce (Schlusssatz)

Kleine, fest zusammengebackene Suppenwürfel, in der Rohform ungenießbar, finden sich auch immer wieder in unseren Texten: Nebensätze voller Andeutungen, viel zu knapp zusammengefasste Bemerkungen; vor Hauptwörter gequetschte Adjektive, die vage auf einen weiteren Sachverhalt oder eine ganz andere Dimension einer Geschichte hinweisen. Sie lösen beim Leser Irritation aus oder werden einfach überlesen. Man sollte sie entweder weglassen oder auflösen.

Der berühmteste Suppenwürfel in unserer Familie ist der schöne Ausspruch: „Hauptsache, man hat immer ein Bett über dem Kopf.“ Nach kurzem Nachdenken wird klar, was da zusammengedacht wurde und in allzu wenig Worten ausgesprochen.

Und hier kommt noch ein ausführlicheres Beispiel:

Ein Jahr nachdem ihre beim Pfingstrosen-Hochbinden verunglückte Mutter gestorben war, verkaufte Saskia das Haus.

Eine Möglichkeit der Auflösung:

Bevor sie das Haus verließ, ging Saskia in den Garten, um die Pfingstrosen hochzubinden. Im vergangenen Jahr hatte das ihre Mutter getan; sie war dabei auf den bemoosten Platten ausgerutscht, hatte sich den Oberschenkelhals gebrochen und war wenige Wochen später im Krankenhaus gestorben.
Der neue Hausbesitzer wartete schon vor der Tür. Saskia übergab ihm Schlüssel, Bindedraht und Kneifzange, griff nach ihrem Koffer und ging den Weg hinunter zur Bushaltestelle.

Das Suppenwürfel-Bild habe ich von dem Schriftsteller Paul Schuster, bei dem ich vor Jahren einmal eine Schreibwerkstatt besuchte. Viel später fand ich das schöne Tucholsky-Zitat. Es kann also auch eine Kunst sein, das richtige Extrakt herzustellen …

Quellen: Peter Panter alias Kurt Tucholsky, Ulysses. Rezension des Romans von James Joyce, erschienen am 22.11.1927 in der Weltbühne (Nr. 47, S. 788). Bilder: Wiki Commons

Bedeutungsräume

Münstertal, Das Fischbödle. Postkarte, um 1920. Foto: J. Arnold, Kolmar.

Schauplätze sind entscheidend für einen Text, schon beim Schreiben – das gilt für Reportagen oder Blogbeiträge ebenso wie für literarische Texte. Bilder und Orte können Erinnerungen wach rufen, können uns helfen, sinnliche Eindrücke in unsere Texte einfließen zu lassen. Wie riecht es an einer großen Straßenkreuzung? Welche Geräusche höre ich im Wald, wie ist das Raumgefühl in einem Tunnel?

Achtet dabei auf das Besondere einer Landschaft, eines Stadtteils, eines Innenraums. Und dazu passend die Jahreszeit, das Wetter, die Tageszeit, Licht, Farben, Ge­räusche, Gerüche, Gegenstände, Pflanzen, Tiere.

Aufgabe

Hamburg, Fahrstraßen im Elbtunnel. Postkartenmotiv, um 1930

1
Beschreibt einen Außen- oder Innenraum so, dass eine besondere Atmosphäre spürbar wird. Versucht dabei, das Charakteristische herauszu­finden und zu schildern. Lasst alle unwichtigen und selbstverständlichen Details weg.

2
Überlegt Euch, was für eine Geschichte zu ihrem Ort passen könnte – Versucht, diese Ge­schich­te zunächst mit wenigen Worten zu umreißen. Was geschieht? Was muss der Protagonist be­wäl­ti­gen und worin besteht seine Entwicklung?

Schreibt die Geschichte und gestaltet dabei den Ort der Handlung passend zum Inhalt aus.

Quellen: Die Postkartenmotive stammen aus der Sammlung Hans A. Dahm.