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Die alltäglichen Dinge

Dinge können schön sein oder hässlich, unverzichtbar, überflüssig, unpraktisch, lästig, geliebt, neu, funktional, gebraucht, begehrt, altmodisch. Ihr Besitz ist mitunter bedeutsam, verräterisch oder widersprüchlich. Sie können nicht sprechen – doch wenn wir die Dinge anschauen, die uns umgeben, wenn wir sie benutzen, wenn wir uns und anderen ihre Geschichten erzählen, erfahren wir dabei etwas über uns selbst.

Wir leben in einer scheinbar perfekten Welt und bewegen uns darin nach Belieben. Wir kaufen schöne Dingen und gestalten unsere Umgebung. Unser Paradies auf Erden ist angefüllt mit tausendfach gleichen Puppenwagen, Topfdeckeln, Kaffeekannen, Kugelschreibern, Telefonen, mit Architekten-Häusernund Designer-Sofas.

Viele unter uns sind noch gar sehr sentimental; wenn sie mit einem Gegenstand eine Zeitlang gelebt haben, dann haben sie mit ihm kein Verhältnis gehabt, sondern sie sind mit ihm verheiratet gewesen –

Kurt Tucholsky alias Peter Panther, 1930

Kurt Tucholsky war nicht nur ein genialer Schreiber, er war auch ein großer Moralist – und reiste mit leichtem Gepäck durchs Leben. Sollen wir seinen Mahnungen folgen, uns an ihm ein Vorbild nehmen?
Aber ist es denn nicht einfach schön, Dinge zu haben, deren Geschichten wir kennen, die uns erinnern? Und so manches, vorsichtshalber, doch noch einmal zu bewahren?

In neunundneunzig Fällen von hundert lohnt es sich nicht, ein Ding aufzubewahren. Es nimmt nur Raum fort, belastet dich; hast du schon gemerkt, dass du nicht die Sachen besitzt, sondern dass sie dich besitzen?

Kurt Tucholsky alias Peter Panther, 1930

Die Industrialisierung und mit ihr das große Projekt der Moderne hat das Ziel, ein gutes Leben für alle Menschen zu ermöglichen, in einer freien, demokratisch organisierten Gesellschaft. Im Bestreben, alles immer weiter zu verbessern, haben wir die Dinge verändert und mit ihnen die Welt.

Sammeltassen, Alka-Bavaria, 1950er Jahre, ausgestattet mit reicher Verzierung und Goldrand. Solches Geschirr hatte es lange Zeit nur auf den Tischen von Fürsten und reichen Bürgern gegeben. Durch die industrielle Herstellung wurde es möglich, dass auch weniger Begüterte auf solch prächtige Dinge sparen und damit ihre Kaffeetafel decken konnten.

Wenn wir den Geschichten der Dinge nachspüren, beschäftigen wir uns auch mit unserer eigenen Geschichte – und können daraus neue Perspektiven, Alternativen, neue Standpunkte entwickeln. Dann ist eine Tasse eben nicht nur eine Tasse, sie bekommt Bedeutung. Sie erzählt uns etwas über dieWünsche und Träume vergangener Generationen, über andere Lebenswelten: Wie eswar, wie es ist, wo wir herkommen, wohin wir gehen wollen.


Zitate aus: Kurt Tucholsky (Peter Panther), „Das kann man noch gebrauchen –!“, erschienen am 19.8.1930 in der Neuen Leipziger Zeitung

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