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Die Blumen müssen draußen bleiben

Über Zäune und unser Misstrauen gegenüber der Natur

Auf dem Zaun sitzt die Hagezusse, die Hexe, die Zaunreiterin: Eine weise Frau, Grenzgängerin zwischen der wilden Natur und der geordneten Kultur.
Das war früher, als die Inseln in der Wildnis noch klein waren und die Menschen sich erstmals an festen Orten niederließen. Damals begannen sie, sich ein Stück Sicherheit zu schaffen, wilde Tiere und fremde Menschen auszusperren und sich innerhalb der selbst gesteckten Grenzen eine kleine, geordnete Welt einzurichten.

Sie rodeten den Wald, umzäunten ein Stück Land mit Dornenhecken, geflochtenen Weidenzäunen oder kunstvoll aufgeschichteten Bruchsteinmauern. Sie züchteten Schafe, Ziegen, Hühner, die sie in den überschaubaren, nun von der Natur abgegrenzten Gebieten einsperrten, bauten Salat und Gemüse an und hielten die Wildkaninchen davon ab, sich daran gütlich zu tun.

Nur die Katzen, die Hexentiere, ließen sich weder ein- noch aussperren. Sie passierten die Zäune durch Löcher oder sprangen hinauf mit einem Satz, folgten ihren eigenen Regeln, verschwanden in der Wildnis und tauchten frühmorgens wieder auf, einäugig mitunter oder mit zerrissenem Ohr, um in der Sicherheit der Umfriedung ihre Wunden zu pflegen.

Einen Zaun zu bauen, machte viel Arbeit. Pfähle mussten hergestellt und gesetzt werden, Latten gesägt und angebracht oder widerspenstige Zweige ineinandergeflochten. Stand der Zaun einmal an einem Ort, ließ er sich nicht mehr bewegen. Große Gebiete ließen sich damit nur schwer absichern, Viehweiden zum Beispiel. Schäfer zogen deshalb mit ihren Tieren über weite Strecken. Noch heute ist die karge Landschaft der Schwäbischen Alb von ihnen geprägt, wo allein die Wachholderbüsche und anderes stacheliges Gestrüpp vor dem Hunger der Schafe sicher sind. Die mobilen Zäune der Schäfer waren ihre Hunde, die die Herden umkreisten und dafür sorgten, dass kein Tier verloren ging. Kuhhirten und Hütekinder waren für die Rinder zuständig. Sie gehörten zu den Ärmsten der Gesellschaft und mussten bis in die kalte Jahreszeit oft barfuß laufen. Heute tun Elektrozäune deren Arbeit. Sie sind leicht zu versetzen, wenn die Tiere mal auf eine andere Weide sollen und ein Beweis dafür, wie findig wir Menschen sind und wie es uns immer wieder gelingt, ein Stück Natur zu zähmen.

Schon der Drahtzaun ohne Strom war ja eine Errungenschaft. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war Draht als Werkstoff viel zu kostbar, um ihn für die massenhafte Herstellung etwa von Maschendraht zu verwenden. Doch dann kam die Industrialisierung und mit ihr ein größeres Angebot an Rohstoffen, neue Formen der Energiegewinnung und eine Technik, die das kontinuierliche Ziehen von Draht erlaubte. Es war nun weniger mühsam und teuer, einen Zaun aufzuspannen, und so gehörten Maschen- wie auch Stacheldrahtzäune schon bald zum ländlichen Ambiente.

Gerade diese Zäune zeigen Grenzen und bieten Schutz. Ihr Drinnen und ihr Draußen sind mitunter relativ: Der knurrende Hund, die angriffslustigen Gänse stören uns nicht allzu sehr, solange der Zaun sie zurückhält. Dann sind wir froh, uns auf der richtigen Seite zu befinden.

Für Kinder – aber nicht nur für sie – haben Zäune den Reiz des Verbotenen, Unbekannten. Nichts ist interessanter als ein Loch im Zaun, eine Möglichkeit, hinüberzuklettern. Der Garten kann noch so groß sein: Sie werden immer wissen wollen, was sich jenseits seiner Grenze verbirgt. Die Durchsichtigkeit eines Zaunes, die ihn von einer Mauer unterscheidet, regt die Phantasie an. Was könnte das sein, was dort hinter den Büschen hervorblitzt? Der Wasserspiegel eines verborgenen Teiches? Ein blaues, von seinem Besitzer zurückgelassenes Auto?

Je dichter die Landschaft besiedelt wurde, umso wichtiger wurden die Zäune als Grenze zwischen benachbarten Grundstücken. Während die Vögel mit ihrem Gesang die Hoheit über ihr Revier für sich beanspruchen – das dann genau so groß ist, wie ihre Stimme reicht – wollen wir Menschen sichtbare, feststehende Zeichen dafür haben, wo das eine Gebiet endet und das andere beginnt. Grenzsteine markieren so etwas nur punktuell und hindern niemanden, die gedachten Linien zu überschreiten, die sie verbinden.

Ein Zaun dagegen ist eine wirkliche Trennung. Er lässt sich nicht ohne weiteres überwinden, schafft ein Hier und ein Dort, ein Hüben und Drüben. Wenn zwei sich über den Gartenzaun hinweg unterhalten, bewahren sie Distanz. Jeder befindet sich auf seinem eigenen Gebiet – und schaut gleichzeitig hinüber, lässt sich anregen. Wie kommt es, dass der nachbarliche Rhabarbar in diesem Jahr so viel besser gedeiht als der eigene? Müssen die jetzt auch noch Hühner halten, womöglich mit einem nervigen Hahn? Wie geht es der Mutter, die in den letzten Jahren noch im Garten half? Wenn nur die vielen Unkrautsamen wären, die ständig herüberzuwehen scheinen und sich um Zaun und Hecke wenig scheren … Gerade dort, wo die Grundstücke klein und die Vergleichsmöglichkeiten groß sind, in den Schrebergärten, wächst auch das Konfliktpotential. Solche Kleingartenkolonien entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Bevölkerung explodierte. Es gab immer weniger Platz für die Menschen und die Armut in vielen Gebieten nahm zu. Ein kleines Stück Land mit der Möglichkeit, wie in einem Bauerngarten Obst, Gemüse und ein paar Blumen anzubauen, war da vielen eine Hilfe.

Doch genau dort, wo es eng ist und jeder unter Beobachtung steht, wird es schwierig, Großzügigkeit zu bewahren und die Eigenheiten der anderen zu tolerieren – und so hat es schon handgreifliche, mitunter tödliche Auseinandersetzungen über den richtigen Schnitt einer Hecke gegeben.

Da hatten es die wohlhabenden Bürger einfacher. Als sie sich zu Ende des 19. Jahrhunderts in neu errichteten Gartenstädten und Villenkolonien in der Nähe der alten Städte ansiedelten, ließen sie ihre Häuser mit repräsentativen Vorgärten und ebensolchen Zäunen ausstatten. Vor allem Schmiedeeisen war nun als Material angesagt, gerne mit vergoldeten Spitzen und Blattornamenten. Vorbilder dafür waren die prächtigen Schlosstore und Zäune aus der Zeit des Feudalismus. Zusammen mit den Häusern entwarfen Architekten Zäune im gotischen oder klassizistischen, bald auch im Jugendstil.

Sie dienten nun nicht mehr dazu, die feindliche Natur draußen zu halten, sondern als Grenze zwischen Grundstück und öffentlichem Raum. Die Bepflanzung und Pflege der Vorgärten zeugten von Wohlhabenheit und Besitzerstolz, Nutzpflanzen hatten dort keinen Platz mehr.

Diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren fortgesetzt: Inzwischen gibt es in vielen Vorgärten gar keinen Platz mehr für Pflanzen, abgesehen von der ein oder anderen Ziergrasstaude oder einem japanischen Ahorn, der seinen Schatten auf bekieste oder gepflasterte Flächen werfen. Steinkugeln oder – alternativ – perfekt getrimmte Buchsbaumkugeln erhöhen den Eindruck perfekter Künstlichkeit, die nur allzu leicht in gestalterische Öde umschlägt.

Wir haben die Natur gezähmt, müssen uns weder diesseits noch jenseits des Zaunes vor ihrem übergriffigen Wachstum fürchten. Löwenzahn und Moos werden aus den Ritzen gekratzt, die Flächen zwischen den einzelnen Büschen und Stauden penibel frei gehalten, das Laub von Bürgersteig und Beeten geblasen und auf den Recylinghof gekarrt. Alles ist sauber, steril.

Die Hagezusse hat sich in die Naturschutzgebiete verzogen, die jetzt so umzäunt sind und vor den Übergriffen ordnungswütiger Menschen geschützt werden müssen wie früher die Gärten und andere Kulturschutzgebiete vor der Natur.

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