Das Leben der Dinge, Design, Tischgerät

Die Wiederkehr der Röschen

Über Sammeltassen und andere Widersacher des „guten“ Geschmacks

Es ist, als habe jemand das Blümchen-Geschirr von Tante Leni, die Schätze aus Großmutters Wohnzimmerschrank und einige Restposten aus den 1950er Jahren wild durcheinandergemischt und auf den Kaffeehaustischchen der Szene-Cafés verteilt. Zuckerdosen mit Dackelbeinen, stromlinienförmige Sahnekännchen, Tassen mit  Rosendekor, Untertassen mit Goldrand stehen dort einträchtig neben- und aufeinander und bieten uns ein hübsch anzusehendes Durcheinander anStilen, Formen und Funktionen.

1 Bevölkern neuerdings die Café-Tische: Vase, Kanne und Tassen zwischen 1930 und 1970

Wie hatte Adolf Loos, Architekt in Wien um die Wende zum 20. Jahrhundert, einst gegen solche Verirrungen gewettert. „Ornament und Verbrechen“ überschrieb er einen Vortrag, in dem er jede Art von Verzierung verdammte und allein die schlichte Oberfläche als Zeichen des guten Geschmacks gelten ließ. Selbstbewusst erklärte er:

„Ich habe folgende Erkenntnis gefunden und der Weltgeschenkt: Evolution der Kultur ist gleich bedeutend mit dem Entfernen des Ornamentes aus dem Gebrauchsgegenstande.“

Adolf Loos

Schuhe mit Lochmuster-Verzierungen, geschnitzte Möbelkanten, Tassen mit Blümchenmuster: Das alles war nicht nur ihm, sondern auch seinen Gestalterkollegen ein Gräuel. Woher aber kam diese Abneigung gegen jegliche Art von Verzierungen?

Die Idee, dass gut gestaltete Gebrauchsgegenstände sich vor allem durch ihre Schlichtheit auszuzeichnen hatten, hat in der Zeit der ersten Industrialisierung ihren Ursprung. Mit der Energie aus Dampf, Gas und Elektrizität war es seit dem ausgehenden 18. Jahrhundertmöglich, auch solche Dinge in großer Stückzahl herzustellen, die vorher handwerklich gefertigt wurden und durch ihre besondere Ausstattung zu etwas Kostbarem wurden: Durch eine Goldverzierung etwa, eine besondere Form, einaufwändig geschnitztes Muster.

Solche Dinge waren bis ins 19. Jahrhundert hinein den gehobenen Gesellschaftsschichtenvorbehalten gewesen, Fürsten und wohlhabenden Kaufleuten, die sich diese über die Funktion hinausgehende „Zutaten“ leisten konnten.

2 Bei den Aposteln der „Guten Form“ verpönt: Sammeltassen aus den 1930er und 1950er Jahren

Nun also gab es so etwas auch für die „kleinen Leute“, preisgünstig und in ausreichender Menge: Für die rasch anwachsende Zahl der Fabrikarbeiter und -arbeiterinnen, für Tagelöhner und Waschfrauen. Wer wollte sie daran hindern, sich vom Ersparten ein derart hochdekoriertes Geschirr zuzulegen und dann ander eigenen häuslichen Fürstentafel Platz zu nehmen? Zumal diese Menschen ja auch als Konsumenten gebraucht wurden: Wem sonst hätten die Fabrikanten ihre maschinengefertigte Ware in solch großen Mengen verkaufen sollen?

Der bürgerlichen, insbesondere der bürgerlich-gestalterischen Elite aber war dieser Kitsch, wie man solche Dinge nannte, dieser industriell gefertigte Schund, dieses So tun als ob ein Dorn im Auge. Die Aufklärung – so lautete die Auffassung vieler Intellektueller – habe den Europäern die Einsicht geschenkt, dass allein vernünftiges Handeln die Menschheit weiterbringen würde.

Doch schien sich diese Auffassung bei den Teilen der Bevölkerung, die sich aufeinmal verzierte Goldrandtassen einbildeten und womöglich beim Teetrinken den kleinen Finger abspreizten, nicht weiter verbreitet zu haben. Noch nicht. Denn wenn wir Adolf Loos glauben wollen, war es ja eine Sache der kulturellen Evolution, das Ornament zum Verschwinden zu bringen.

Und zunächst sah es auch so aus, als können das gelingen.

Seit 1907 war es vor allem der Deutsche Werkbund, eine Vereinigung von Künstlern, Architekten und Industriellen, der das Volk in gestalterischen Dingen zu bilden suchte. Unter anderem organisierten und gestalteten seine Mitglieder in den 1920er Jahren die Wanderausstellung „Form ohne Ornament“, und 1927 entstand auf ihre Initiative hin die Stuttgarter Weißenhofsiedlung mit ihren Musterbauten der Moderne.

3 Links hat es mit dem „Entfernen des Ornaments“ noch nicht wirklich geklappt – die Schlichtheit des weißen Porzellans aber kommt bei allen drei Tassen zur Geltung.

In der Zeit des Faschismus wurden solche Bestrebungen, den Volksgeschmack zu bilden, weiter fortgesetzt: Auch unter den überzeugten Nationalsozialisten gab es Entwerfer, die dem Ideal gut gestalteter Industrieprodukte anhingen, etwa den Keramiker Hermann Gretsch, dessen Geschirre und Bestecke noch heute den Rang von Klassikern haben.

Ende der 1940er Jahre war es dann der SchweizerArchitekt Max Bill, der mit seiner Wanderausstellung „Die gute Form“ diese Tradition fortsetzte. Er berief sich dabei unter anderem auf das Bauhaus und zeigte Dinge des alltäglichen Gebrauchs vom Kaffeelöffel bis zur Stadt: Lampen und Töpfe, Umwälzpumpen und Bügeleisen, Rasierapparate und Automobile, Gläser und Geschirr. Sie alle waren seiner Auffassung nach vorbildlich gestaltet und auf solide Art hergestellt; der Anschaffung wert und dazu geeignet, lange und ohne modische Abnutzungserscheinungen gebraucht zu werden.

Doch auf die Dauer ließ sich eine derartige Reduktion auf das rein Notwendige in der Formgebung nicht aufrechterhalten – und schon gar nicht durchsetzen. Mitte der 1960er Jahre beschäftigte sich der Philosoph Theodor W. Adorno in einem Vortrag mit der Frage, warum die Architektur der Nachkriegsmoderne so öde sei, so unsinnlich und ohne Geheimnis – und bezog dabei auch die Welt der Gebrauchsgegenstände ein, die im Sinne der strengen Vorgabe „form follows function“ entstanden waren. Adolf Loos habe zu seiner Zeit durchaus Recht gehabt, zwischen einer handwerklichen und einer industriellen Produktionsweise zu unterscheiden und eine entsprechende Gestaltung zu fordern, befand Adorno sechzig Jahre später – nur sei es nicht sinnvoll, auf Dauer zwischen einer zweckfreien Kunst und einer rein funktionalen Gebrauchskunst zu unterscheiden.

4 Das richtige Geschirr für die bürgerliche Tafel: Klare Formen und Farben und eine neue Interpretation des Ornaments

In den 1970er Jahren begann man sich denn auch wieder vom schlichten, farb- und musterlosen Stil des vorangegangenen Jahrzehnts zu entfernen – nicht aber von der Überlegung, dass es einen Unterschied zwischen „guten“ – weil der industriellen Herstellung angemessenen – und „schlechten“ Formen gebe, die sich als handwerklich gefertigte Kostbarkeiten ausgaben und doch „nur“ maschinell hergestellt waren. Von dieser Auffassung verabschiedeten sich die Gestalter erst in der darauf folgenden Postmoderne.

Die Teller und Tassen in unseren heutigen Cafés bergen ihre eigenen Geheimnisse. Sie können uns nicht erzählen, wer sie einst kaufte, ob sie täglich benutzt oder nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt wurden, wie oft sie in Kisten gepackt und umgezogen worden sind und unter welchen Umständen sie beim Trödler oder auf dem Flohmarkt landeten. Sie laden uns dazu ein, uns unsere eigenen Gedanken zu machen, mit dem Finger ihren Verzierungen nachzufahren, uns an Tante Leni oder die Großmutter zu erinnern und das Röschenmuster zu bewundern, das vielleicht ein geschickter Kunsthandwerker darauf pinselte, viel wahrscheinlicher aber mechanisch auf den Rand gedruckt wurde.

Die strenge Forderung nach „form follows function“, das Prinzip der „guten Form“, hat, so scheint es, ausgedient – oder nicht?

Vielleicht brauchen wir ja einfach nur andere Kriterien als diejenigen, die Adolf Loos vor 100 Jahren aufstellte. Er betrachtete das Ornament, die übermäßige Verzierung von Gegenständen, als Verschwendung von Material und Arbeitszeit und mahnte zur bürgerlichen Tugend der Sparsamkeit. Wir tun heute gut daran, über Nachhaltigkeit und ökologische Verträglichkeit von Produktionsprozessen nachzudenken.

„Wenn alle Gegenstände ästhetisch so lange halten würden, wie sie es physisch tun, könnte der Konsument einen Preis dafür entrichten, der es dem Arbeiter ermöglichen würde, mehr Geld zu verdienen und weniger lang arbeiten zu müssen.“

Adolf Loos

Und darüber lohnt es sich, und sei es angesichts eines Milchcafés in einer Goldrand-Tasse, auch heute noch nachzudenken.

5 Tassen und Becher in allen Formen und für alle Bedürfnisse

Bild 1
Sammeltasse, wahrscheinlich 1950er Jahre
Kanne: Porzellanmanufaktur Gloria — Anton Weidl, Altrohlau in Tschechien (1920-1945)
Vase: Fürstenberg Ehemalige Herzoglich Braunschweigische Porzellanmanufaktur in Fürstenberg (1918-ca. 1966), 1930er Jahre
Zuckerdose: Bremer Werkstätten für kunsthandwerkliche Silberarbeiten, wahrscheinlich 1930er Jahre
grüne Tasse: Rosenthal, um 1960

Bild 2
von links nach rechts: anonymes Design (wahrscheinlich 1930er Jahre), Tassen der Firmen Kronester (1950er Jahre), Kaiser (1950er Jahre)

Bild 3
von links nach rechts: Hutschenreuther Porzellan (um 1920),  Stapelgeschirr TC 100, Thomas-Rosenthal 1959. Entwurf: Hans Roericht, Hutschenreuther Porzellan (um 1920) und „Urania“, KPM (Entwurf: Trude Petri und Siegmund Schütz 1938)

Bild 4
Vase: Fürstenberg, nach 1918, wahrscheinlich um 1935
Zuckerdose: Bremer Werkstätten für kunsthandwerklicheSilberarbeiten, wahrscheinlich 1930er Jahr
grüne Tasse: Rosenthal, um 1960
orangene Tasse: Arzberg 3000 Sizilia, 1970. Entwurf: Hans Theo Baumann
Kanne: Bauscher-Weiden, 1938. Entwurf: Heinrich Löffelhardt

Bild 5
weißer Becher: „Färgrik“. IKEA, 2000er Jahre. Entwurf: Maria Vinka
Kanne: Bauscher-Weiden 1938, Entwurf: Heinrich Löffelhardt
rote Tasse: Alka-Bavaria, 1950er Jahre
weiße Tasse: Stapelgeschirr TC 100, Thomas-Rosenthal 1959. Entwurf: Hans Roericht
Papp-Becher: McDonalds 2018

Alle Fotografien: Christiane Wachsmann 2018