Aktuelles, Das Leben der Dinge, Design, Inneneinrichtung, Lebensentwürfe, Möbel, Moderne
Schreibe einen Kommentar

Möbel aus Schweden

Wir haben geerbt.
Solange sich das Regal der beiden schwedischen Designer Kerstin und Nisse Strinning noch sicher im Haushalt meiner Schwiegereltern befand, sagten wir natürlich, dass wir es sehr gerne übernehmen wollten. Als es dann ernst wurde und wir es abholen sollten, fragten wir uns, ob nicht unsere Nichte es ebenso gerne haben wollte, mit ihrem Faible für Design und Vintage-Möbel —
Sie lehnte dankend ab.

Auch meine Eltern hatten ein solches String-Regal in ihrem Wohnzimmer. Das nahm mein Vater mit, als er Mitte der 1960er Jahre in eine andere Wohnung zog und meine Mutter, meine Schwester und mich, die Waschmaschine und das Mahagoni-Schlafzimmer zurückließ.

Das Regal war wahrscheinlich das, was sich am besten in einem Fiat 500 transportieren ließ: Zusammengelegt besteht es aus ein paar Leitern, ein paar Brettern, und die Einhängeschränke sind auch nicht allzu voluminös. Ein klassisches System-Möbel eben: Beliebig erweiterbar, flexibel einzusetzen, raumsparend in Transport und Lagerhaltung.

Eine Anschaffung fürs Leben

Es gab in dieser Zeit — den Jahren des sich entfaltenden Wirtschaftswunders — keine besonders große Auswahl an Möbeln, die dem Lebensstil einer modernen jungen Familie angemessen waren. So ist es wenig verwunderlich, dass das String-Regal sich sowohl bei meinen Schwiegereltern als auch bei meinen Eltern fand.
Ein solches Möbel war eine Anschaffung fürs Leben — und darüber hinaus zum Vererben, solide und zeitlos schön: Diese Überlegung war eine Selbstverständlichkeit in dieser Zeit, in der die Konsumgesellschaft sich erst zu entfalten begann.

Es wurde auch nicht unbedingt als Ganzes gekauft, dafür war es zu teuer. Man erwarb dieses Regal Stück für Stück: Zunächst gab es zwei oder drei Leitern und einige Böden, die feierlich an einer der noch kahlen Wohnzimmerwände angebracht wurden. Es kamen weitere Leitern hinzu, man sparte auf einen Schrank oder eine Vitrine. Es ließen sich Nachttische aus den einzelnen Teilen zusammenstellen und Garderoben, platzsparende Arbeitsplätze im Wohnzimmer unterbringen sowie die wachsende Bibliothek der Rowohlt-Rotations-Romane: Werke der Weltliteratur und von Autoren der Weimarer Zeit zeugten von Weltoffenheit und Bildungshunger dieser Generation, die im Faschismus aufgewachsen war und nun die Kultur der Moderne für sich entdeckte.

Und das bedeutete vor allem: Von industriell gefertigten Dingen, die sich in den engen Wohnungen dieser Zeit nicht allzu breit machten, weder in ihrer räumlichen Ausdehnung noch durch gestalterische Auffälligkeiten. Praktisch, schlicht, sachlich und schnörkellos — das waren die Eigenschaften, die modern eingestellte Leute von einem Möbel erwarteten. Man sollte ihm seine Herkunft aus der seriellen Produktion durchaus ansehen.

Dabei steckt in diesen frühen Original-Regalen noch sehr viel Aufwändiges in Bezug auf Material und Fertigung: Die seitlichen Haken sind aus Messing gefertigt, bündig von unten in die Böden eingelassen und eingeschraubt. Auf der einen Seite sind sie mit Scharnieren versehen, weil man sonst die Böden nicht zwischen den Regalleitern mit ihren engen Abständen einhängen kann.

Die ringförmigen Griffe der Türen sind kunstvoll hinterlegt — bei unserer Ausgabe finden sich noch die Anzeichnungen der Handwerker darauf, die sie in die glatten Flächen einfügten.
Gerade das aber macht sie so schön und besonders, gibt dem Gebrauch eine Sinnlichkeit, die der optimierten Neuauflage fehlt. Alles lässt sich nun noch schneller fertigen, mit weniger Handgriffen und mehr Maschinenarbeit.

Maschinenstil

Das String-Regal und seine Möbelgeschwister aus den 1950er und 1960er Jahren entsprachen dem, was sich Gestalter früherer Jahrzehnte erträumt hatten, vom „Maschinenstil“ im Zeitalter der Moderne, einer den neuen Materialien und Herstellungstechniken angemessenen Gestaltung.
Der österreichische Architekt Otto Wagner etwa hatte am Ende des 19. Jahrhunderts, in dem die industrielle Produktion ihren Siegeszug begann, die Verwendung altdeutscher, gotischer oder fernöstlicher Stilelemente kritisiert, mit denen die Architekten neu gebaute Häuser dekorierten. Er forderte einen neuen Stil:

Alles modern Geschaffene muss dem neuen Materiale und den Anforderungen der Gegenwart entsprechen, wenn es zur modernen Menschheit passen soll, es muss unser eigenes besseres, demokratisches, selbstbewusstes, unser scharf denkendes Wesen veranschaulichen und den kolossalen technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften sowie dem durchgehenden praktischen Zuge der Menschheit Rechnung tragen — das ist doch selbstverständlich!

Otto Wagner, 1896

„Selbstverständlich“ waren für ihn nicht nur die Entwicklung neuer Gestaltungskriterien und der Stolz auf die technische Entwicklung, sondern auch die Entwicklung der Menschen zu vernünftigen, „scharf denkenden“ Wesen in der Folge der Aufklärung — und genauso selbstverständlich stellte er auch eine Verbindung her zwischen dem „modern Geschaffenen“ und der Demokratie.

Dieser Neustil, die Moderne, wird, um uns und unsere Zeit zu repräsentieren, eine deutliche Änderung des bisherigen Empfindens, den beinahe völligen Niedergang der Romantik und das fast alles usurpierende Hervortreten der Zweckerfüllung bei allen unseren Werken deutlich zum Ausdrucke bringen müssen.
Dieser werdende, uns und unsere Zeit repräsentierende Stil, auf angedeuteter Basis aufgebaut, bedarf, wie alle vorangegangenen, zu seiner Entfaltung der Zeit.

Otto Wagner 1896

Nun war er also da, dieser „Neustil“, gemeinsam erarbeitet von Künstlern, Architekten und engagierten Unternehmern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch in den 1950er Jahren hatte er sich nicht allgemein durchsetzt, doch auch das war eine Frage der Zeit.

Danach allerdings zeigte sich die Gefräßigkeit der Maschinen und die Lust der Menschen an kreativer Veränderung: Sie ließen es nicht zu, dass es bei diesem Zustand des anscheinenden Gleichgewichts blieb, in dem sich der industrielle Stil und die damit verbundene Fertigungsweise zwar durchgesetzt hatte, die Dinge selbst aber noch einen bleibenden Wert hatten.

Bloß nichts mit Mahagoni

Gerade im postfaschistischen Deutschland war die Sehnsucht unter den jungen Erwachsenen groß, die Traditionen hinter sich zu lassen und mit etwas Neuem zu beginnen — und zwar radikal, von der Wurzel her.
So hatte meine Mutter nach dem Verlust von Mann und Regal nichts eiligeres zu tun, als nun auch das Mahagoni-Schlafzimmer los zu werden, den Teil ihrer Aussteuer, den sie stets als Zumutung empfunden hatte. Doppelbett, Schrank, zwei Nachttische, Kommode, alles solide Tischlerarbeit, verschwanden ebenfalls aus unserem Leben. Die moderne Frau umgab sich mit modernen Möbeln. Sie kam sehr gut aus ohne das bürgerliche Repräsentationsgehabe ihrer Eltern, ohne Hochglanzpolitur und die Wuchtigkeit überlieferter Möbelkombinationen.

Zwar herrschte nach wie vor die Vorstellung, bei Möbeln handele es sich um langlebigen Konsumgüter, auf deren Erwerb hin gespart und gefiebert wurde — aber das galt selbstverständlich nicht für das überkommene Alte. Auch Minderwertiges oder gar Stilloses hatte in unserem Haushalt nichts zu suchen, höchstens die ein oder andere Improvisation an Stelle dessen, was irgendwann endlich doch angeschafft werden konnte.

Noch glaubte meine Mutter — und mit ihr viele andere — sie könne sich den Verlockungen wie dem Zwang der Konsumgesellschaft entziehen.
Doch Maschinen sind, wie gesagt, gefräßig. Sie sind hoch entwickelt und teuer, sie führen kleine Arbeitsschritte im durchgeplanten Produktionsprozess aus, sie arbeiten ununterbrochen und stellen Dinge her in solcher Menge, dass wir Menschen sie gar nicht verbrauchen können. Dafür wollen sie gefüttert werden mit Rohstoffen und Energie in Massen, so dass über kurz oder lang unsere Welt daran zugrunde gehen wird — und sie zwingen noch immer diejenigen Menschen, die sich im Arbeitsprozess befinden, sich ihrem Tempo anzupassen und so ununterbrochen zu arbeiten, wie es diesen unvollkommenen biologischen Maschinen nur möglich ist.

Wie konnte das geschehen? Was ist aus den wunderbaren Utopien des beginnenden Maschinenzeitalters geworden, die da besagten: Wenn die Maschinen uns erst einmal die unliebsame Arbeit abgenommen haben, werden wir Menschen frei sein, das zu tun, was uns gefällt?

Ich habe die Hoffnung, dass gerade die Vervollkommnung der Maschinen in einer Gesellschaft, die nicht unbedingt auf Vermehrung der Arbeit, sondern auf Vermehrung des Lebensgenusses aus ist, hoffentlich zu einer Vereinfachung des Lebens und somit auch zu einer Begrenzung der Zahl der Maschinen führt.

William Morris, 1884

Wir jedenfalls haben uns entschieden: Das String-Regal bekommt einen Platz an einer unserer Wände. Dafür muss Ivar weichen.
Den wird zum Glück unsere Tochter übernehmen, er steigt ab in ihren Keller, wird vom Bücherregal zum Aufbewahrungsort für Kisten, Werkzeug und Vorräte.

Wir dagegen freuen uns an der alten, neuen Errungenschaft. An ihren scheinbaren Unvollkommenheiten, den klemmenden Scharnieren, den Spuren der manufakturellen Fertigung, den Erinnerungen, an ihrer Geschichte — und an dem damit verbundenen Wissen, dass die Welt auch anders aussehen kann.
Und darüber können wir nachdenken.

Zitate Otto Wagner
Otto Wagner, Der Stil, in: Otto Wagner, Die Baukunst unserer Zeit. Dem Baukunstjünger ein Führer auf diesem Kunstgebiete. Wien 1914. Zitiert nach: Volker Fischer, Anne Hamilton (Hrsg.), Theorien der Gestaltung, FRankfurt 1999

Zitat William Morris
William Morris, Wie wir leben und wie wir leben könnten, S. 156, Köln 19839
Alle Fotografien: Christiane Wachsmann 2018

Schreibe einen Kommentar