Das Leben der Dinge, Design, HfG Ulm, Kreativität, Moderne
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Walter Zeischegg: Sinus in der Kurve

Walter Zeischegg, Säule mit Sinusflächen vor dem Gebäude der Hochschule für Gestaltung Ulm. Foto: Christiane Wachsmann
Walter Zeischegg, Säule mit Sinusflächen vor dem Gebäude der Hochschule für Gestaltung Ulm (Bild: Christiane Wachsmann)

Walter Zeischegg gehört zu den weniger bekannten Gestalter:innen, die an der Ulmer Hochschule für Gestaltung (19531968) arbeiteten und lehrten. Lange blieb er im Hintergrund. Als im Jahr 1967 sein berühmter Sinus-Ascher auf den Markt kam, stand die Hochschule bereits kurz vor der Schließung. Grundlage für Zeischeggs Entwürfe bildeten vielfach geometrische Strukturen. Das macht sie nicht nur zeit-, sondern auch orts- und dimensionslos: Eine Tetraeder-Kugelformation etwa eignet sich, je nach Größe, sowohl zur Skulptur als auch als Briefbeschwerer.

Walter Zeischegg, Kugelskulptur, 1973, im Glacis-Park Neu-Ulm (Foto: Christiane Wachsmann)

Walter Zeischegg, Kugelskulptur, 1973, im Glacis-Park Neu-Ulm (Bild: Christiane Wachsmann)

 

Von der Kunst zum Design

Im Jahr 1950 hatte der Wiener Bildhauer Walter Zeischegg große Pläne: Er wollte am Illinois Institute of Design Industriedesign studieren. Er hatte sich bereits ein Stipendium organisiert, Kontakt mit Serge Chermayew aufgenommen, der das Institut leitete, die Reisevorbereitungen getroffen – da änderte die USA ihre Bestimmungen. Als ehemaliger Angehöriger der Wehrmacht durfte Zeischegg nicht mehr einreisen.

Walter Zeischegg war damals 33 Jahre alt. Mit 19 Jahren hatte er ein Studium als Bildhauer an der Akademie in Wien begonnen, nach zwei Jahren wurde er zum Militär eingezogen. Der Weltkrieg begann, er wurde Soldat. Erst sieben Jahre später konnte er sein Studium in Wien wieder aufnehmen. In dieser Zeit fing er an, sich für Industrie-Design zu interessieren. Mit Kolleg:innen gründete er eine „Arbeitsgemeinschaft für Warenformung und industrielles Entwerfen“. 1948 lernte Zeischegg den Schweizer Künstler und Gestalter Max Bill kennen. Bill berief ihn drei Jahre später in die Gründungsgruppe der Ulmer Hochschule. Nachdem der amerikanische Traum gescheitert war, nahm Zeischegg das Angebot gerne an.

Walter Zeischegg, Briefbeschwerer in Form einer Tetraeder-Kugelfiguration, 1973. Hersteller: Fa. Helit, Kierspe (Foto: Christiane Wachsmann)

Walter Zeischegg, Briefbeschwerer in Form einer Tetraeder-Kugelfiguration, 1973. Hersteller: Fa. Helit, Kierspe (Bild: Christiane Wachsmann)

 

„Dekorativ – aber wofür?“

Die Gründer der Ulmer Hochschule hatten sich die Mitwirkung an einer besseren, neu gestalteten Gesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben: Die existentiellen und sozialen Grundbedürfnisse eines jeden Menschen sollten befriedigt werden, und eine wohl organisierte, mit modernsten Herstellungstechniken arbeitende Industrie sorgt für ebenso erschwingliche wie langlebige Güter.

Die Aufgabe Walter Zeischeggs im Gründungsteam der HfG bestand zunächst darin, ein „Forschungsinstitut für Produktgestaltung“ aufzubauen. Durch systematische Untersuchungen, analog den Forschungen in den Naturwissenschaften, galt es, für industriell hergestellte Gegenstände möglichst allgemeine und endgültige Formen zu finden.

Zeischeggs Arbeitsweise unterschied sich grundlegend von der seiner Gestalterkollegen. Er war stets auf der Suche nach der perfekten Form. „Dekorativ — aber wofür?“, untertitelte die Wiener Bildwoche 1950 eine der Abbildungen in einem Bericht über Walter Zeischegg: „Das Problem für den Industriekunsthandwerker liegt nicht darin, eine Form zu schaffen, sondern sie auch einer geeigneten Verwendungsmöglichkeit zuzuführen. Hier schwankt er noch, ob dieser ‚Genieblitz‘ zu einem ornamentalen Schmuck an einem Gebäude, zu einem neuzeitlichen Gartenzaun oder zu sonst irgend etwas zwecklos Schönem dienen soll.“

 

Walter Zeischegg in seinem Wiener Atelier, um 1948, links auf der Staffelei das „räumlich-Plastische Gitterwerk" - in der Wiener Bildwoche als „Genieblitz“ tituliert (Foto: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Walter Zeischegg in seinem Wiener Atelier, um 1948, links auf der Staffelei das „räumlich-plastische Gitterwerk“ – in der Wiener Bildwoche als „Genieblitz“ tituliert (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

 

Freiheit für die Zigarette

Walter Zeischegg entwickelte seine Objekte aus einem weit gespannten, von Neugier und Entdeckergeist geprägten Interesse an der Welt. Sein Antrieb bestand in dem Bestreben, sie zu erforschen, sie gestaltend zu durchdringen und herauszufinden, was sie „im Innersten zusammenhält“. Dabei stand die Form zwar immer im Vordergrund, technische Details und Feinheiten wurden aber mit ähnlicher Intensität durchdacht. Diese Arbeitsweise führte zwar zu vielen faszinierenden Formen, aber nicht unbedingt zu verwertbaren Entwürfen für die Industrie. Die große Stunde kam, als Zeischegg mit der Firma Helit zusammenzuarbeiten begann. Deren Leiter Friedrich Hefendehl wandte sich 1966 an die Ulmer Hochschule und lernte dort Zeischegg und seine Arbeit kennen. Nachdem ein erster Entwurf für die Firma — ein Karteikasten — recht erfolgreich war, stellte Walter Zeischegg seinem Auftraggeber eine seiner aktuellen Formstudien vor.

Zeischegg beschäftigte sich in dieser Zeit mit Sinuskurven. Deren Form gründet auf den trigonometrischen Sinus- und Cosinusfunktionen, mit deren Hilfe sich harmonische Schwingungen wie Schall- und Wasserwellen beschreiben lassen. Zeischegg ließ auf einem Zylinder Schwingungen laufen, mal steiler, mal flacher, mal mit vielen, mal mit wenigen Kurven, immer auf der Suche nach der perfekten Form. Hefendehl und seine Mitarbeiter ließen sich faszinieren. Schließlich kamen sie auf die Idee, einem der so entstanden Objekte eine Vertiefung in der Mitte zu geben und einen Aschenbecher daraus zu machen – dem Einwand eines Vertriebsmitarbeiters zum Trotz, ein richtiger Aschenbecher brauche eine Kerbe, um die Zigarette darin zu halten.

Für die damalige Zeit war dieser Sinusascher ein absolut ungewöhnliches Objekt. Möglich wurde seine massenhafte Herstellung erst durch die Verwendung von Kunststoffen, die in dieser Zeit in der industriellen Produktion ihren Siegeszug antraten. Der Aschenbecher verkaufte sich nicht nur als solcher, sondern durchaus auch als Objekt an sich: Die profane Funktionszuweisung als Behälter für Zigarettenasche war ihm, seiner großen formalen Präsenz und Überzeugungskraft zum Dank, wenig abträglich. Zum 50-jährigen Gründungsjubiläum der Hochschule für Gestaltung initiierte der Ulmer Kulturberater Ralf Milde eine „Hommage an die HfG“ als Installation im öffentlichen Raum. Verschiedene Ikonen des HfG-Designs, darunter der Ulmer Hocker, Hans Gugelots legendärer Radio-Plattenspieler SK4 „Schneewittchensarg“, das Stapelgeschirr TC 100 oder Otl Aichers Piktogramm-Männer tauchten in riesenhafter Vergrößerung im Ulmer Stadtbild auf. Während die anderen Gegenstände vor allem durch ihre schiere Größe die Aufmerksamkeit auf sich zogen, fügte sich Zeischeggs Aschenbecherentwurf nicht nur harmonisch in seine Umgebung ein, sondern bot auch sogleich eine Funktion als Sitzgelegenheit.

 

Walter Zeischegg, stapelbarer Aschenbecher mit Sinuskurven, 1966/67 (Foto: Christiane Wachsmann)

Walter Zeischegg, stapelbarer Aschenbecher mit Sinuskurven, 1966/67 (Bild: Christiane Wachsmann)

 

Gartenzäune und Fassaden

Als Walter Zeischegg 1951 nach Ulm kam, war er fest entschlossen, alle künstlerischen Ambitionen hinter sich zu lassen. Das traf auch auf Otl Aicher zu, seinen Kollegen an der HfG: „walter zeischegg und ich waren zunächst selbst im bereich der kunst tätig geworden. (…) dieser bruch hatte prinzipielle ursachen. wir kamen aus dem krieg heim und sollten in der akademie nun an der ästhetik um der ästhetik willen arbeiten. das ging nicht mehr“, schrieb er später. Zeischegg blieb aber nicht bei dieser Selbstbeschränkung. Anfang der 1960er Jahre nahm er seine plastischen Arbeiten wieder auf und knüpfte dabei an frühere Arbeiten an.

Zwischen 1963 und 1965 entstanden Wände aus unterschiedlichen „gitterorientierten Elementen“, die sich beliebig erweitern und auch als Säulen aufstellen ließen. Auch andere Gestalter entwarfen in dieser Zeit solche Elemente. Egon Eiermann etwa verwendete sie beim Bau seiner Sakralbauten (Gedächtniskirche in Berlin, 19571963) oder von Kaufhäusern (Warenhaus Merkur in Stuttgart 1951-60, Horten in Heidelberg, 19581962). Bei Walter Zeischegg dagegen mündeten diese Entwürfe eher in Kunstwerken — seien es hochästhetische Fotos, seien es reale, auf dem Campus der HfG aufgestellte Wände aus Gipselementen, über deren mehr oder weniger praktische Anwendbarkeit erst noch nachzudenken war: Waren sie für die Gartengestaltung geeignet? Als Wände in Innen- oder Begrenzungen in Außenräumen? Oder handelte es sich doch eher um Kunst?

 

Walter Zeischegg, Entwicklungsgruppe Walter Zeischegg, Wand aus gitterorientierten Elementen, 1963-65 (Foto: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Walter Zeischegg, Entwicklungsgruppe Walter Zeischegg, Wand aus gitterorientierten Elementen, 1963-65 (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

 

Lehrer an der HfG Ulm

An der Ulmer Hochschule für Gestaltung blieb Walter Zeischegg eher im Hintergrund. Das heißt aber nicht, dass er ohne Einfluss war: Mit seinem Anspruch, sich gründlich und umfassend mit dem Gegenstand eines Entwurfs zu beschäftigen, seinen technischen wie formalen Aspekten, mit seiner Hartnäckigkeit und mitunter Weitschweifigkeit forderte er die Studierenden heraus, sich eigene Gedanken zu machen und dabei nicht an reiner Zweckdienlichkeit hängen zu bleiben.

Als Mitte der 1960er Jahre der Autoverkehr immer weiter zunahm, begannen viele Kommunen mit der Planung großer Straßenbauwerke, darunter auch die Stadt Ulm. Walter Zeischegg wurde als Berater für die Beleuchtungen hinzugezogen und gab die Aufgabe an seine Studierenden weiter: „Es sollen Gestaltungsvorschläge entwickelt werden für ein variables bzw. kombinierfähiges System von Trag- und Aufhänge-Elementen für Leuchten, Verkehrsampeln, Signale und Verkehrszeichen, wobei die Gestaltung von Beleuchtungskörpern (für Straßen-, Brücken- und Unterführungsbeleuchtungen) besonders in den Vordergrund gestellt wird.“

Hier war alles gefordert, was ein gutes Design ausmacht: technische Machbarkeit, Funktionalität, Flexibilität, Ergonomie, Ästhetik. Den Studenten gelang es, angeregt durch Zeischeggs Vorbild, ihren Entwürfen einen eigenen Ausdruck zu verleihen, der über eine rein zweckdienliche Formgebung hinausging.

 

Walter Zeischegg (Dozent), Peter Hofmeister, Thomas Mentzel und Werner Zemp (Studenten), HfG Ulm,  Beleuchtungsanlagen (Modell), 1965/66 (Foto: Ernst Fesseler, c HfG-Archiv)

Walter Zeischegg (Dozent), Peter Hofmeister, Thomas Mentzel und Werner Zemp (Studenten), HfG Ulm, Beleuchtungsanlagen (Modell), 1965/66 (Bild: Ernst Fesseler, c HfG-Archiv)

 

Wissenschaft, Kunst, Design

In den 1960er Jahren war die Frage nach den Möglichkeiten, die Gestaltung eines industriell produzierten Gegenstandes durch eine systematische, nach wissenschaftlichen Mustern gebildete Herangehensweise zu optimieren, nicht nur an der HfG zu einem breit diskutierten Thema geworden: Entwickelte man nur die richtigen Kriterien in Bezug auf Material, Herstellungsweise, Ergonomie und Benutzerbedürfnisse, so der Gedanke, ergäbe sich daraus automatisch die ideale Gestalt, so die Vorstellung.

Walter Zeischegg war zwar mit dem Anspruch an der HfG angetreten, grundlegende Forschungen auf dem Gebiet der Produktgestaltung zu leisten, wehrte sich aber gegen solch zweckorientierte Lösungsansätze. Ihm lag weniger an einem fertigen Produkt als an dem Prozess der Entwicklung, der ihn auf mehr oder weniger verschlungenen Wegen zu immer neuen Erkenntnissen und Ideen führte. Selten zeigte er sich mit einer Lösung zufrieden; meist waren es seine Mitarbeiter:innen, die aus dem Strom der Ideen, Gedanken und vorläufigen Ergebnisse denjenigen Ansatz herauspickten, der sich einem Auftraggeber präsentieren und dann auch produzieren ließ — sei es als Gegenstand des täglichen Gebrauchs, sei es als Kunstwerk wie die Sinussäule vor der HfG und ihrer Geschwister aus Kegelstümpfen oder in Spindelform.

 

Walter Zeischegg, Schreibtisch-Tablar (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

 

Ästhetische Funktion

Auf einer Tagung des Werkbundes, die im Oktober 1956 in der HfG Ulm stattfand, sprach deren Gründungsrektor Max Bill über die Idee des vom Schweizer Atomphysiker Fritz Zwicky entwickelten „Morphologischen Kastens“. Ganz im Sinne einer wissenschaftlichen Herangehensweise an die Gestaltung alltäglicher Gegenstände wird bei dieser Methode das Problem — die Entwurfsaufgabe — in ihre einzelnen Aspekte geteilt und auf diese Weise „objektiv möglichst vollkommene Lösungen“ angestrebt. Zu dieser rein mechanischen Methode kam nach Bills Auffassung aber noch etwas hinzu: die Frage nach der „ästhetischen Funktion“.

Nach dem Ausscheiden von Max Bill ging die HfG zunächst den bereits erwähnten Weg der Verwissenschaftlichung des Designs, ohne dabei die – eben nicht in Zahlen und Parameter zu fassende – „ästhetische Funktion“ zu berücksichtigen. Für Walter Zeischegg aber war die Ästhetik seiner Entwürfe immer wichtig geblieben. Stets versuchte er, zu einer Art von „ästhetischer Objektivität“ zu kommen, indem er seinen Gestaltungen oft geometrische Formeln zugrunde legte.

 

Walter Zeischegg, Wandrelief mit Sinuskurven (Foto: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Walter Zeischegg, Wandrelief mit Sinuskurven (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

 

Umweltgestaltung

Zeit seines Lebens blieb Zeischegg ein Wanderer zwischen den Welten von Design, Kunst und Wissenschaft. Er konnte sich leidenschaftlich für Phänomene aus all diesen Bereichen begeistern, konnte sich hinein vertiefen und oft auch verlieren. An der Ulmer Hochschule, deren Gestaltungen bis heute gerne mit minimalistischen grauen Kisten assoziiert werden, ermutigte er die Studenten, sich eben nicht nur mit praktischen Gegebenheiten und technischer Machbarkeit auseinanderzusetzen, sondern der Ästhetik der Dinge nachzuspüren.

Gerade deshalb funktionieren viele von Zeischeggs eigenen Entwürfen nicht nur im Kleinen, sondern eben auch als „Straßenmöblierung“ – und stellen dort die Frage: Was ist Kunst, was Design? Gibt es einen Unterschied, oder könnten sie von ihrem Wesen her nicht auf dem Gleichen beruhen: Dem Wunsch und dem Vermögen der Menschen, ihre Umwelt nicht nur funktionell, sondern auch ästhetisch zu gestalten.

 

Der Artikel wurde zuerst geschrieben für und veröffentlicht in der Zeitschrift Moderne Regional, Heft 2/2021.

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