Speere und Beutel


Ein Roman ist ein Medizinbündel, das Dinge in einem ganz bestimmten, wirkmächtigen Verhältnis zueinander und zu uns stehend fasst.

Ursula K. Le Guin, Die Tragetaschentheorie des Erzählens

Was war zuerst da? Der Knüppel, mit dem der Held seinem Widersacher einen über die Rübe haute, der Speer, den er dem Mammut ins Auge rammte – oder der Tragebeutel?

Ein Netz, ein Korb, eine Rindenschachtel, ein verknotetes Tuch oder eine Tasche, benutzt für den Transport von Körnern, Beeren, Wurzeln, Kräutern und Kartoffeln: Was für eine wundervolle Idee. Was für eine nützliche Erfindung!

In den Heldengeschichten, den Heldenreisen, wie sie heute allenthalben durch’s Netz geistern und die Formen des Erzählens bestimmen, dominieren allerdings die Waffen: Stöcke, Speere, Schwerter, mit denen Mann losziehen kann (und die schon bei kleinen Jungen Faszination ausüben). Doch ist das die einzige Art von Geschichten, die funktioniert? Die einzige Art, das Leben und seine Gegebenheiten zu gestalten und zu erzählen? Ursula Le Guin bezweifelt das. Sie denkt über Alternativen nach.

Der Roman sei eine im Kern unheroische Form des Erzählens, glaubt sie. Wenn DER HELD auch dort gerne die Macht an sich reiße, wenn er auf einer zielstrebigen Erzählweise und einem Konflikt im Zentrum sowie seiner eigenen heldenhaften Existenz bestehe, so bedeute dies keinesfalls, dass dies die einzige Möglichkeit ist, eine Geschichte zu erzählen.

Geschichten, Lebensgeschichten können auf vielerlei Art erzählt, ihre Bestandteile gebündelt und in einem Beutel verwahrt werden. Wir finden und sammeln sie, tragen sie mit uns herum, setzen ihre Teile in immer neuer Form wieder aneinander, erzählen mal so, mal so. Wir teilen unsere Geschichten, transportieren mit ihrer Hilfe Erinnerungen, spenden Trost und nutzen sie, um anderen Mut zu machen.

Mit ihrer Hilfe können wir herausfinden, wie alles gekommen ist. Wir können darüber nachdenken, was möglich ist, was wäre, wenn. Ursula le Guin tat das auch in ihren eigenen Erzählungen. Sie schuf fantastische Welten wie diejenige von Erdsee, und reflektierte zugleich über ihre eigene Herangehensweise. (So ist die erste Geschichte, der Magier von Erdsee, von ihrem Aufbau und ihrer Besetzung her eine klassische Heldengeschichte, der Ursula Le Guin dann andere zur Seite stellte.) In ihren Science Fiction Romanen beschäftigte sie sich mit der Frage, wie man Technologie und Wissenschaft zu etwas umdefinieren könne, das „in erster Linie eine kulturelle Tragetasche und keine Waffe, kein Herrschaftsinstrument ist“.

Der Essay „Die Tragetaschentheorie des Erzählens“ ist auf deutsch im Drachenverlag erschienen, gemeinsam mit anderen Texten von Ursula Le Guin unter dem Titel „Am Anfang war der Beutel“.

Abgesehen davon, dass in diesem Werk sehr gute und lesenswerte Texte stehen, ist es auch ein sehr schönes, liebevoll gestaltetes Buch. Vielen Dank, lieber Matthias Festerer für Auswahl, Übersetzung und Einleitung, und lieber Drachenverlag für’s Herausgeben!

Ursula Le Guin, Am Anfang war der Beutel, 96 Seiten, ISBN 978-3-947296-08-8


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