Schreibwerkstatt
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Suppenwürfel

Liebigs Fleischextrakt. Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.

Kurt Tucholsky, Rezension des Romans „Ulysses“ von James Joyce (Schlusssatz)

Kleine, fest zusammengebackene Suppenwürfel, in der Rohform ungenießbar, finden sich auch immer wieder in unseren Texten: Nebensätze voller Andeutungen, viel zu knapp zusammengefasste Bemerkungen; vor Hauptwörter gequetschte Adjektive, die vage auf einen weiteren Sachverhalt oder eine ganz andere Dimension einer Geschichte hinweisen. Sie lösen beim Leser Irritation aus oder werden einfach überlesen. Man sollte sie entweder weglassen oder auflösen.

Der berühmteste Suppenwürfel in unserer Familie ist der schöne Ausspruch: „Hauptsache, man hat immer ein Bett über dem Kopf.“ Nach kurzem Nachdenken wird klar, was da zusammengedacht wurde und in allzu wenig Worten ausgesprochen.

Und hier kommt noch ein ausführlicheres Beispiel:

Ein Jahr nachdem ihre beim Pfingstrosen-Hochbinden verunglückte Mutter gestorben war, verkaufte Saskia das Haus.

Eine Möglichkeit der Auflösung:

Bevor sie das Haus verließ, ging Saskia in den Garten, um die Pfingstrosen hochzubinden. Im vergangenen Jahr hatte das ihre Mutter getan; sie war dabei auf den bemoosten Platten ausgerutscht, hatte sich den Oberschenkelhals gebrochen und war wenige Wochen später im Krankenhaus gestorben.
Der neue Hausbesitzer wartete schon vor der Tür. Saskia übergab ihm Schlüssel, Bindedraht und Kneifzange, griff nach ihrem Koffer und ging den Weg hinunter zur Bushaltestelle.

Das Suppenwürfel-Bild habe ich von dem Schriftsteller Paul Schuster, bei dem ich vor Jahren einmal eine Schreibwerkstatt besuchte. Viel später fand ich das schöne Tucholsky-Zitat. Es kann also auch eine Kunst sein, das richtige Extrakt herzustellen …

Quellen: Peter Panter alias Kurt Tucholsky, Ulysses. Rezension des Romans von James Joyce, erschienen am 22.11.1927 in der Weltbühne (Nr. 47, S. 788). Bilder: Wiki Commons

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