Übers Schreiben

Charlotte von Stein

„Lieber Freund, entschuldige meinen langen Brief, für einen kurzen hatte ich keine Zeit“,

schrieb Charlotte von Stein Anfang des 19. Jahrhunderts an Johann Wolfgang von Goethe. Sie hatte sich an ihren Sekretär gesetzt, tauchte die Feder eifrig ins Tintenfass und ließ ihre Gedanken so fließen, wie sie eben kamen.

Mit etwas Übung geht das schnell — und Charlotte von Stein war eine geübte Schreiberin. Sie wird sich nicht lange damit aufgehalten haben, den Text noch einmal durchzulesen, denn sie war in Eile. Also: Sand auf die Zeilen gestreut, den Brief gefaltet und versiegelt, und nach dem Diener geläutet. Der brachte ihn auf die Post.

Schon das nochmalige Durchlesen wäre ein Fehler gewesen. Dort ein überflüssiges Wort, hier eine nicht ganz treffende Formulierung, dieser Gedankengang scheint nicht gut ausgeführt, hier fehlt eine Information: Und schon sieht es aus wie ein Rübenfeld und der Brief bedarf einer neuen Abschrift. Und bei der Gelegenheit könnte man das Ganze überhaupt noch einmal umstellen — und schon sind wir bei der dritten Fassung.

Überarbeitungen brauchen Zeit

Ein gut geschriebener Text ist das Ergebnis eines Arbeitsprozesses: Erst schreibt man einen ersten Entwurf — so etwas wie Charlotte Steins Brief — baut eine Struktur, bedenkt und überarbeitet immer wieder eure Erkenntnisse und sucht nach den passenden Formulierungen.

Um gute, gut durchdachten Text zu schreiben, mit einem eigenen Rhythmus, mit Spannungsbögen und einem klaren Aufbau bedarf es nicht nur der Zeit, sondern auch der Übung. Und das gilt nicht nur für Romane. Auch ein kurzes Stück Alltags-Literatur wie ein Blog-Beitrag kann gut oder schlecht gelingen, das Interesse der Leser erreichen oder eben nicht.

Zwei Dinge erscheinen mir wesentlich für einen Text, den jeder und jede gerne liest: Klarheit und Eleganz.

Klarheit

Während wir in einem Gespräch unsere Gedanken Schritt für Schritt entwickeln, uns immer wieder korrigieren, auf Einwände unseres Gegenübers eingehen und so schließlich zu einem Ergebnis kommen, ist ein Text bereits fertig, wenn wir ihn unseren Lesern präsentieren.

Rückfragen sind nicht möglich.

Für die junge Lou von Salomé, in die er sich leidenschaftlich verliebt hatte, stellte Friedrich Nietzsche zusammen, was ihm für einen guten Schreibstil wichtig erschien. Unter anderem meinte er:

Friedrich Nietzsche

„Man muss erst genau wissen ’so und so würde ich dies sprechen und vortragen‘ — bevor man schreiben darf. Schreiben muss eine Nachahmung sein.“

Die Chance eines geschriebenen Textes liegt darin, mit Hilfe einer klaren Ausdrucksweise und eines gut durchdachten Konzeptes unser Anliegen auf den Punkt zu bringen und unser Gegenüber zu überzeugen.

Dabei helfen handwerkliche Regeln, wie sie im journalistischen Schreiben gelehrt werden: Wortwahl, Satzkonstruktionen, der Umgang mit Verben und der Einsatz von Adjektiven, die Verwendung von sprachlichen Bildern.

Eleganz

Ein interessanter Text zeichnet sich darüber hinaus durch eine Haltung aus. Ein persönlicher Stil und damit wir selbst zeigen uns in der Sprache genauso wie in der Ordnung der Gedanken.

Das erfordert Mut: Klare Formulierungen und eine eigene Position ermöglichen unseren Lesern, uns zuzustimmen, zu werten oder widersprechen – weil sie uns verstanden haben und sich ihre eigenen Gedanken machen.

Für unsere Texte genauso wie für uns selbst.

Mit eigenwilligen Formulierungen, frischen Sprachbildern und überraschenden Wendungen gewinnen wir das Interesse unserer Leser.

Quellen: Bild Charlotte von Stein: Ausschnitt eines Kupferstiches von Karl Freiherr von Imhoff, Wikimedia Commons. Bild Friedrich Nietzsche: Fotograf Gustav-Adolf Schultze (d. 1897), Wikimedia Commons.
Das Zitat von Charlotte von Stein ist ihr nur zugeschrieben, es findet sich tatsächlich in keinem ihrer Briefe. Es ist aber so hübsch und treffend in der Aussage, dass ich es hier dennoch benutzt habe.
Text „Zur Lehre vom Stil“: Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, zitiert nach Hans Martin Gauger, Über Sprache und Stil, München 1995.