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Was hatten die eigentlich gegeneinander?

Viktor Papanek und die Hochschule für Gestaltung Ulm

In seiner Ausstellung „Victor Papanek. The Politics of Design“ würdigte das Vitra Museum in Weil am Rhein im Frühjahr 2019 das Lebenswerk Victor Papaneks.

Eines der Exponate ist ein Dosenradio, das Papanek in den 1960er für die damals so genannte „Dritte Welt“ entwickelte und bei seinem einzigen Besuch an der Ulmer Hochschule für Gestaltung dort vorstellte.

1 Papaneks Transistorradio besteht aus einer gebrauchten Blechdose mit Wachs und einem Docht, einer handgewebten Kupferradialantenne, einem Ohrstöpsel-Lautsprecher und einem alten Nagel für die Erdung der Konstruktion. Die Verzierung des Gerätes mit Filz und Muscheln stammt von einem indonesischen Benutzer.

In seinem Buch „Design for the real world“ berichtete Papanek 1973 von diesem Besuch und dem allgemeinen Unverständnis, auf das er mit diesem Konzept stieß. Er ging sogar so weit zu behaupten, die Ulmer hätten einen grauen Anstrich des Radios vorgeschlagen, damit es nicht so hässlich sei.

Die Weltverbesserer

Für uns Nachgeborene ist es zunächst erstaunlich, dass sich die HfG-Designer und einer wie Papanek so gar keine Anknüpfungspunkte fanden. Beide hatten vieles gemein — etwa die Auffassung, dass Design und Politik etwas miteinander zu tun haben. Beide sahen das Design als Möglichkeit, die Welt zu verbessern, die sich in den 1970er Jahren in keinem sehr viel besseren Zustand befand als in der heutigen Zeit.

2 Taschenempfänger T3, Entwurf: Hans Gugelot / Dieter Rams, 1958

In Deutschland — sei es an der HfG, sei es im Deutschen Werkbund, unter Architekten und Industriedesignern allgemein — war man der Auffassung, es sei die Aufgabe von Gestaltern, für die Menschen eine bessere Umwelt zu planen: Durch gut gestaltete Gegenstände und Umgebungen sollten sie zu einem vernünftigen und guten Leben erzogen werden.

Papaneks Konzept war sehr viel weiter gefasst:

„Tausende von Jahren lang haben Philosophen, Künstler und Designer über das ,Bedürfnis nach Schönheit’ diskutiert, oder über den ästhetischen Wert der Dinge, die wir benutzen und mit denen wir leben. Man muss nur aus dem Fenster schauen, oder sogar zurück in eigenen Raum, um zu sehen, wohin dieses Vorurteil über das Aussehen der Dinge uns geführt hat: Die Welt ist hässlich, und gut funktionieren tut sie auch nicht!“

Victor Papanek, 1973

In seinen Augen waren alle Menschen Designer:

Alles, was wir tun, fast die ganze Zeit, ist Design, denn das ist die Grundlage jeder menschlichen Tätigkeit. (…) Mit Design kann die Komposition eines epischen Gedichtes ebenso gemeint sein wie die Arbeit an einem Wandbild, einem Gemälde, einem Konzert. Aber Design bedeutet es auch, eine Schublade zu reinigen und die Dinge darin neu zu ordnen, einen kaputten Zahn zu ziehen, eine Apfeltorte zu backen, die Mannschaften für ein Hinterhof-Baseballspiel zusammenzustellen oder ein Kind zu erziehen. Design ist die bewusste Anstrengung, eine sinnvolle Ordnung herzustellen.

Victor Papanek, 1973

Papanek teilte durchaus die Ansicht der HfG-Gestalter, man könne die Welt mithilfe von Design verbessern — nur sollten seiner Meinung nach alle Menschen daran mitwirken. Dabei hatte er die Selbstorganisation von natürlichen Prozessen vor Augen: Durch verantwortliches Handeln und eine gute Zusammenarbeit unter den Menschen, so glaubte er, könne die Welt in einen besseren Zustand gebracht werden.

Die alte und die neue Welt

Deutlich zeigen sich dabei zwei sehr unterschiedliche Positionen: An der HfG die der Welt des alten Europa, in der die Menschen in ihrem Handeln über Jahrhunderte hinweg „von oben“ gesagt bekamen, was sie zu tun und was sie schön zu finden hatten, dafür aber auch aufgehoben waren in einem festen gesellschaftlichen System — Und dort die Neue Welt, die für Papanek in den 1930er Jahren zur Heimat wurde: Hier setzt man eher auf das freie Spiel der Kräfte und vertraut darauf, dass sich aus der Summe der Handlungen und Vorstellungen der Einzelnen ein funktionierendes System ergibt.

Ausstellung
im Vitra Design Museum: Victor Papanek. The Politics of Design 29.09.2018 – 10.03.2019

Fotos:
1 Transistorradio. Abbildungen aus: Papanek, Design for the real world, S. 190/191
2 Transistorradio Braun. Foto: Wolfgang Siol/HfG-Archiv Ulm

Literatur:
Victor Papanek, Design for the real world. Toronto/New York/London, 1973. S. 189 ff., S. 324. (Übertragung der Zitate ins Deutsche durch die Autorin)

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