Wintersonnenwende

Fotografie eines winterlichen Baumes im Gegenlich, die Sonne strahlt hinter dem Stamm hervor. Foto: Christiane Wachsmann

„Hör mal, die Krähen! Irgend etwas beunruhigt sie.“
Das raue, wüste Geschrei war ohrenbetäubend, und als Will in die hohen Wipfel hinaufblickte, war der Himmel verdunkelt von kreisenden Vögeln. Kein aufgeregtes Geflatter, keine plötzliche Bewegung war zu sehen, nur dieses klagende Ineinander- und Auseinanderströmen der Vogelschwärme.

Susan Cooper, Wintersonnenwende, Das Zeichen aus Eisen.

Fotografie des Buchcovers "Wintersonnenwende" von Susan Cooper, München 1977
Das Buch „Wintersonnenwende“ von Susan Cooper erschien 1973 auf Englisch, 1977 in der deutschen Übersetzung.

Zwischen den Jahren, in der Zeit der Raunächte, lese ich einmal mehr Wintersonnenwende von Susan Cooper.

In dieser Zeit drohen die Mächte der Finsternis die Herrschaft über die Welt zu übernehmen: Die Nächte werden länger, tief hängende Wolken streifen in Nebelschwaden über das Land, bedecken grau und schwer den Himmel. Krähen fliegen auf. Stürme fegen über das Land, bringen Kälte und Schnee, lassen die Feuer qualmen und verlöschen.

Ein ganz normaler Junge

Es ist der Vorabend zu Will Stantons 11. Geburtstag und gleichzeitig zur Wintersonnenwende. Nicht nur die Krähen benehmen sich seltsam, auch andere Tiere fürchten sich. Das Radio knistert, rauscht und quietscht, und oben am Wäldchen treibt sich ein Landstreicher herum. „Der Wanderer ist also unterwegs“, sagt Bauer Dawson. Als vorzeitiges Geburtstagsgeschenk gibt er Will eine Art Schmuckstück, einen flachen Eisenring mit zwei Stäben darin, die sich in der Mitte kreuzen.

Die Oberfläche des Eisens war ungleichmäßig, aber obgleich sie nicht poliert zu sein schien, war sie ganz glatt. Diese Art der Glätte erinnerte ihn an eine bestimmte Stelle in den rauen Steinplatten des Küchenbodens, wo die Rauheit des Steins von Generationen von Füßen glattgeschliffen worden war, die sich hier, von der Tür her kommend, umdrehten. Es war eine besondere Art von Eisen: von einem tiefen, absoluten Schwarz, das keinen Glanz zeigte, aber auch keine Rost- oder sonstigen Flecken.
Susan Cooper, Wintersonnenwende, Das Zeichen aus Eisen

Bereits auf den ersten Seiten lässt Susan Cooper Ungewöhnliches, Unheimliches im Text aufscheinen: Die Ahnung, dass es neben dem trubeligen Familienleben der Vorweihnachtszeit – Will ist das jüngste von neun Kindern – noch eine andere Wirklichkeit gibt. Darin findet der Kampf statt zwischen Licht und Finsternis. Als Zeichensucher und einer der Uralten auf der Seite des Lichts hat Will hier eine wichtige Aufgabe. Denn wenn es den Mächten der Finsternis gelingt, die Zeichen an sich zu bringen und das Licht zu besiegen, wird auch die Welt untergehen, in der er ein elfjähriger Junge ist, zur Schule geht, im Kirchenchor singt, und sich an Weihnachten auf die Geschenke von Geschwistern und Eltern freut.

Verschiedene Wirklichkeiten

Die „normalen“ Leute ahnen nichts von dieser Bedrohung, wenn sie sich auch durchaus am eigenen Leib erfahren, als ein schlimmer Schneesturm die Versorgung mit Lebensmitteln und Energie lahmlegt. Sie halten das für Kapriolen des Wetters. Nur Will und die Uralten wissen es besser, ebenso wie wir Leser*innen. Wie in vielen Geschichten dieser Art gestaltet Cooper die Berührungspunkte zwischen den Welten so, dass die meisten Menschen nichts ahnen von den dramatische Geschehnissen. Wenn sie doch was davon mitbekommen, gibt es die Möglichkeit, sie die seltsamen Ereignisse vergessen zu machen, oder sie finden eine eigene Interpretation. Hier etwa treffen das christliche Weltbild des Pfarrers und das Wissen der Uralten aufeinander, die sich durch und außerhalb der Zeit bewegen.

„Diese Kreuze sind sehr alt, Herr Pfarrer“, sagte zu aller Überraschung der alte George mit fester und klarer Stimme. „Aus einer Zeit lange vor dem Christentum, lange vor Christus.“
Der Pfarrer strahlte ihn an. „Aber nicht vor Gott“, sagte er schlicht.
Die Uralten schauten einander an. Es gab keine Antwort. Nur Will sagte nach einer Weile. „Aber eigentlich gibt es doch gar kein Vorher und Nachher. Alles, was wichtig ist, ist außerhalb der Zeit. Es kommt von dort und kann dorthin zurückkehren.“
Mr. Beaumont wandte sich ihm überrascht zu: „Natürlich meinst du die Unendlichkeit, mein Junge.“
„Nicht ganz“, sagte der Uralte namens Will, „ich meine den Teil von uns und von allem, was wir denken und glauben, der nichts gestern oder heute oder morgen zu tun hat, weil er zu einer anderen Schicht gehört. Auf dieser Ebene ist gestern noch da. Morgen ist auch da. Man kann beide besuchen. Und alle Götter sind da und alles, was sie bedeuten. Und“, fügte er traurig hinzu, „auch das Gegenteil.“
„Will“, sagte der Pfarrer und starte ihn an, „ich bin nicht sicher, ob du exorziert oder geweiht werden solltest. Wir beide müssen uns bald einmal lange unterhalten.“

Susan Cooper, Wintersonnenwende, Das Zeichen aus Stein

Literarisches Handwerk

Als Schriftstellerin interessiere ich mich auch für das literarische Handwerk. Ich schaue mir an, wie sie gemacht sind, und was ich daraus für mein Schreiben lernen kann.

Susan Cooper gelingt es in ihrer Geschichte, viele Motive vor allem aus dem Bereich der Sagen ihrer Heimat Buckinghamshire miteinander zu verweben und zu einer eigenen Saga zu formen, die sich in diesem Buch auf nur 250 Seiten dicht und makellos zu einem Bilderteppich zusammenfügt. (Vier weitere Bände ergänzen und erweitern sie.) Alles ist in sich stimmig; die Reisen in und durch die Zeit sind geschickt in den Text eingebettet.

In der Nacht vor seinem Geburtstag wacht Will auf, gerufen von einer zarten Melodie. Aus den Fenstern seines Elternhauses erblickt er eine andere Welt; die Landschaft, wie sie vor vielen Jahrhunderten gewesen sein mag, Wald und Bäume in allen Richtungen. In seiner Furcht versucht er zunächst, Hilfe bei seiner Familie zu bekommen:

Er lief ins Schlafzimmer nebenan, das vertraute kleine Zimmer, das er früher mit James geteilt hatte, und schüttelte James heftig. Aber James blieb regungslos, in tiefem Schlaf, liegen.
Will trat wieder auf die Diele hinaus, tat einen tiefen Atemzug und schrie dann, so laut er konnte: „Wacht auf! Wacht alle auf!“
Er erwartete schon jetzt keine Antwort mehr, und es kam auch keine.

Susan Cooper, Wintersonnenwende, Der Reiter

Will geht hinaus in den Wald, wie er vor hunderten von Jahren die Gegend bedeckte. Vierzig Seiten später kehr er zurück, punktgenau in dem Moment, in dem er nach seiner Familie gerufen hat:

„Schon gut schon gut“, erklang James’ schläfrige Stimme aus einem Zimmer.
Hinter er nächsten Tür hörte man Robin ungeniert gähnen. Er murmelte „Gleich, gleich. Ich komme schon.“
Gwen und Barbara kamen gleichzeitig aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer getaumelt, sie waren im Nachthemd und rieben sich die Augen.
„Du brauchst nicht so zu brüllen“, sagte Barbara vorwurfsvoll zu Will.
„Brüllen?“ Er starrte sie an.
„Wacht alle auf!“ Sie tat als wollte sie jemanden nachäffen.

Susan Cooper, Wintersonnenwende, Merriman

Dazwischen liegen vierzig Seiten, in deren Verlauf Will in den Wald hinausgeht, der vor vielen hundert Jahren die Gegend um sein Elternhaus herum bedeckt hat, den Wanderer trifft, seinen Mentor Merriman, und eine Menge über seine Aufgabe als Zeichensucher erfährt.

Die Magie der Geschichten

Wir haben uns weit entfernt von der Furcht, die Sonne könne nach den Raunächten nicht wieder zurückkehren. Von der Vorstellung, in der Zeit zwischen den Jahren sei das Tor zur Geisterwelt besonders durchlässig; die Gefahr groß, ein Unheil heraufzubeschwören, indem wir Wäsche waschen, nähen, spinnen oder weben (die Schicksalsfäden könnten sich sonst verwirren).

Das Gefühl aber bleibt, dass diese Zeit zwischen dem Ende des Mond- und dem Ende des Sonnenjahres, diese elf Tage dazwischen eine Zeit der Ruhe, des Abschieds und der Neubesinnung sein können. Dabei helfen uns Geschichten, alte wie neue, fantastische und solche, die sich der Wirklichkeit der von uns erlebten Welt orientieren – und doch immer auch eine ihnen eigene Magie entfalten.

Die Reihe „Lichtjäger“, zu der die „Wintersonnenwende“ gehört, gilt als Jugendliteratur: Schließlich ist die Hauptfigur ein elfjähriger Junge. Ein großer Teil der Geschichten spielt in einer fantastischen Welt, die die unsere zwar berührt, aber von uns nicht als Wirklichkeit angesehen wird. Möglicherweise liegt das aber auch daran, dass wir als die normalen Leute jede Berührung damit stets wieder vergessen? Oder sie in die eigenen Geschichten einbauen, die wir uns aus dem zusammenspinnen, was wir wahrnehmen können und meinen zu verstehen?

Ende

Leider hält der letzte, fünfte Band der Reihe nicht mehr das, was die anderen versprechen: Die Fäden fügen sich nur noch mit Mühe zusammen. Teilweise gleitet die Geschichte in reine Fantasy ab, ohne aber wirklich deren Qualitäten zu haben: Die Herausforderungen an die Helden bleiben zu vage, die Bedrohungen durch die Dunkelheit sind nichts als leicht durchschaubare Bedrohungen, und am Ende vergessen zumindest einer der Helden, was war und hat deshalb auch nichts gelernt, ist nicht wirklich gewachsen.

Jugend- und Kinderliteratur. Allan Garner: ähnlich, dann aber Weiterentwicklung ins Abstrakte, Intellektuelle. Dann: Tolkien. (auch erstmal: Der kleine Hobbit?)

,