Was bisher geschah

Das Bild zeigt Schreibübungen, wie man sie in den 1960er Jahren am Anfang der Schulzeit machte

Schwung, Schwung, Schwung und Schwung.
Eine Seite voll, immer die Linien entlang.
Schleifen und Bögen, mit dem Bleistift auf vorgedruckten Linien.

Das Schreibheft No. 1 hat große, lange Kästen, die schwingt mein Bleistift entlang.
Die e’s schreiben wir in der Mitte, die l’s mit Schwung nach oben, und später lernen wir die g’s.
Kringel und Schleifen, Schwung und Schwung.

Endlich darf ich Schreiben lernen. Richtiges Schreiben!
Nicht die mühsam gekritzelten, tanzenden Einzelbuchstaben, die ich mir von den Erwachsenen erbetteln muss.

Christiane Wachsmann, März 2022

Das war in der ersten Klasse. Wie hatte ich die Schule herbeigesehnt!
Wir lernten nicht nur Schreiben, Lesen, Rechnen, wir lernten auch Schönschreiben. Dafür gab es in der Woche zwei Schulstunden extra, die ich besuchen durfte.

Mit der Druckschrift habe ich erst angefangen, als ich Architektur studierte und wir uns darin übten, unsere Pläne freihändig in einer individuellen Nicht-Schablonen-Schrift zu beschriften.

Mit der anderen Sorte vom Schreiben, dem Aufschreiben, dem Zusammenschreiben von Wörtern zu Sätzen zu Geschichten, begann ich nach dem Abschluss des Studiums. (Ich war in Deutsch immer gut gewesen und hatte auch brav die notwenigen Aufsätze geschrieben, doch war ich nie auf die Idee gekommen, mich an literarische Formen zu wagen.) Die ersten Texte schrieb ich von Hand und tippte sie dann auf der alten schwarzen Schreibmaschine ab, die meine Mutter aus dem Zimmererbüro ihres Vaters mitbekommen und mir überlassen hatte. Da brauchte man Kraft in den Fingern, und Durchschlagpapier, und oft genug mehrere Anläufe für ein jedes Blatt, bis die Reihenfolge stimmte und die meisten Wörter sich fehlerfrei zeigten.

Ich begann, für die Zeitung zu schreiben, über Architektur und Kunstausstellungen in kleinen Galerien, und kaufte mir einen Atari-Computer. Der stürzte gerne mal ab. Vorher zeigte er immer diese netten kleinen Bömbchen. Leider war es dann schon zu spät, und alles Ungespeicherte verschwand.

Ich besuchte einen Schreibmaschinenkurs und erlernte das Zehnfinger-System in der Volkshochschule bei einer sehr korrekten Dame mit hochgeschlossenen Häkelblusen, die uns erzählte, sie sei die Zuverlässigkeit in Person und noch niemals in ihrem Leben zu spät zur Arbeit gekommen. Nie, wirklich nie.
Ich übte zuhause zu den Klängen von Bach und Vivaldi, die mir den richtigen Takt gaben, und manipulierte die Geschwindigkeit mit Hilfe des stufenlosen Reglers an meinem Plattenspieler.

In dieser Zeit schrieb ich meine erste Kurzgeschichte. Sie hatte was mit einem geerbten Radio zu tun, aus dem mitunter rätselhafte Stimmen kamen (vorzugshalber, wenn es ausgeschaltet war), den Kreideklippen auf Rügen und der unglücklichen Liebesgeschichte der Großmutter meiner Protagonistin. Irgendjemand hieß Mathilda; ich glaube, es war die Großmutter.

Ich schrieb ein Buch über Möbeldesign für meinen ehemaligen Professor, Arno Votteler, und lernte danach, während meines Volontariats bei der Tageszeitung Stuttgarter Nachrichten, Segen und Schrecken eines Großrechners kennen. Der stürzte auch gerne mal ab, ganz ohne Bömbchen, vorzugsweise abends gegen halb sechs, kurz vor Redaktionsschluss, wenn alle gerade die letzten Sätze ihrer Artikel schrieben und natürlich auch nichts gespeichert hatten, weil das so umständlich war.

Dann überlegte ich mir, dass ich gerne in einem Museum arbeiten würde. Warum auch nicht? Architektur und Schreiben, das schien mir eine gute Kombination dafür zu sein. Und tatsächlich fand ich eine Aufgabe in Ulm, wo einst die Hochschule für Gestaltung sich daran gemacht hatte, eine neue, friedfertige Welt zu entwerfen.

Im HfG-Archiv übernahm ich einen ausgemusterten IBM-Computer. (Der irgendwann einmal seinen Geist aufgab und nur noch eine lange Reihe von ffffffs produzierte, den Bömbchen nicht unähnlich, nur hartnäckiger leider irreversibel.) Ich begann, den Nachlass zu ordnen und in ersten Ausstellungen und Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – und das tue ich, mit Unterbrechungen, bis heute. In meinem Buch Vom Bauhaus beflügelt. Menschen und Ideen an der Hochschule für Gestaltung Ulm habe ich 2018 die Geschichte aufgeschrieben, wie sie sich mir nach vielen Recherchen, ausführlichem Aktenstudium und zahlreichen Gesprächen mit ehemaligen Studenten und Dozenten darstellt.

Und ich schrieb einen Roman. Und dann noch einen. Schrieb weitere Kurzgeschichten, weitere Romane, überarbeitete die alten Texte, bildete mich fort in Schreibwerkstätten, gründete selbst eine an der Ulmer Volkshochschule und leitete sie zwanzig Jahre lang. Mit meinem Mann zusammen baute ich ein Haus um und ein zweites neu, wir erzogen zwei Töchter (und sie erzogen uns), wir ließen Katzen, Hunde und Kaninchen bei uns wohnen, schauten uns in der Welt um, feierten Feste, und immer, immer schrieb ich weiter an meinen Geschichten. Nie gelang es mir, einen Verlag zu finden, immer nur fast.

Nun lässt sich die Sache mit der Literatur nicht so einfach aufgeben. Die Figuren und Schauplätze mögen meiner Phantasie entsprungen sein, doch wenn sie erst einmal da sind, führen sie ein Eigenleben. (Das schildert auf unnachahmliche Weise die US-amerikanische Schriftstellerin Ursula Le Guin in den Kommentaren zu ihren beiden Erdsee-Trilogien.) Die Geschichten sind einfach nicht damit zufrieden, in einer Schublade oder auf einer Festplatte vor sich hin zu dämmern – und der Autorin gefällt das auch nicht.

Um auch diese Kinder in die Welt zu schicken, tat ich mein bestes. Es war die große Zeit der Copy-Shops: Ich erstellte zuhause am Computer Vorlagen mit entsprechend ineinander verschachtelten Seiten, so dass ich in A4 drucken und das Ganze dann zu einem A5-Buch bei einer befreundeten Buchbinderin zusammenfügen lassen konnte. Einmal nähte ich eine kleine Auflage einer längeren Geschichte von Hand zusammen: Genauso waren unsere Schulhefte früher gebunden gewesen.

Mit dem Digitaldruck und der zunehmenden Vernetzung kam die Möglichkeit, Bücher in kleineren Auflagen drucken zu lassen. Damit war diese technische Seite zwar gelöst. Doch nützt es nichts, mehr oder weniger große Stapel Bücher zuhause liegen zu haben, zumal man sie an Freunde und Familie schlecht verkaufen kann (das gibt von beiden Seiten her ein ungutes Gefühl). Die ein oder andere Lesung bei wohlmeinenden Buchhändlern ist da schon eine bessere Möglichkeit. Um eine größere Anzahl zu verkaufen, bedarf es eines guten Marketings. Und das ist, dank der sozialen Medien, inzwischen auch möglich geworden.

Nun lasse ich mich also darauf ein, nicht nur Autorin, sondern auch Verlegerin, Marketingfrau und Bloggerin zu sein. Auch daran habe ich ja meinen Spaß. Eine Webseite, allen voran ein Blog, ähnelt ja einem Kunstwerk, einer Geschichte: Viele Elemente und Details werden so zusammengefügt, dass sie ein in sich stimmiges Ganzes ergeben.

Ich kann auf viele Fähigkeiten zurückgreifen, die ich mir im Laufe meines Lebens angeeignet habe. Jetzt bin ich doch froh über die vielen Stunden der Akt- und Aqurellmalerei, die Zusammenarbeit mit fähigen Grafikern und Typographinnen, denen ich über die Schulter schauen durfte und die vielen Erfahrungen, die ich beim Katalog- und Büchermachen gewonnen habe. Über die Möglichkeiten der Recherche in Bibliotheken, Büchern und im Netz, von Seminaren und geteilten Erfahrungen von Menschen, die ich persönlich gar nicht kenne und die mir dennoch entscheidend weitergeholfen habe. Da will ich nun gerne etwas weitergeben.

Mein erstes auf diese Art veröffentlichtes Buch wird Lilits Töchter sein. Das Format dieses Blogs gibt mir die Möglichkeit, viele meiner Recherchen zu teilen, Hintergründe und Intentionen zu erläutern. Ich kann auf diese Weise verschiedene Seiten meiner Arbeit und meines Wesens zeigen, das der Kulturhistorikerin, der Illustratorin und das der Geschichtenerzählerin.