„Um halb fünf morgens traf Farrell am Steuer eines sehr alten VW-Busses namens Madame Schumann-Heink in Avicenna ein. Es hatte gerade aufgehört zu regnen. Auf der Gonzales, zwei Blocks von der Autobahn entfernt, fuhr er recht ran und stützte die Ellbogen aufs Lenkrad. Sein Beifahrer erwachtem mit einem kleinen traurigen Schrei und packte sein Knie.“ Peter S. Beagle, Das Volk der Lüfte (Anfang)

Ich mag nicht alle Bücher von Peter S. Beagle; manche sind mir einfach sehr sperrig. Dieses eine aber hat es mir wirklich angetan. Es ist kein Fantasy-Roman wie Das letzte Einhorn, mit dem Beagle bekannt wurde, geht aber über das, was ich unter magischem Realismus verstehe, doch einigermaßen weit hinaus.
Die Geschichte beginnt in einer Welt, die vollkommen reale Züge hat: Joe Farrell trifft mit seinem klapprigen VW-Bus in Avicenna ein, einer Art Universitätsviertel von San Francisco. Farells Schulfreund Ben lebt hier mit einer Frau namens Athanasia Sioris – Sia – zusammen, deren erstaunliche Persönlichkeit prägend für die Geschichte wird.
Farell zieht bei den beiden ein. Er ist Musiker und verdient sich seinen Lebensunterhalt mit allen möglichen mehr oder weniger schrägen Jobs – als Pasteten-Aufwärmer in einem Schnellimbiss, als Eisenbahnfahrer im Zoo. Seine Leidenschaft ist das Lautenspiel, mittelalterliche Pavanen, Couranten, Sarabanden. Damit passt er gut in die „Liga für Archaische Vergnügungen“: Deren Mitglieder führen in ihrer Freizeit eine zweite Existenz, verkleiden sich als Königinnen, fahrende Rittersleute und Magier und geben sich fantasievolle Namen von teils geschichtlichen, teils sagenhaften Persönlichkeiten – Marian von Sherwood, Prester John, Lady Murasaki, Egil Eyvindsson. Sie feiern Feste, führen Zweikämpfe und Kriege mit hölzernen Waffen, küren jährlich ihren König.
Es ist spannend zu sehen, mit welcher Beiläufigkeit Beagle das Fantastische anfangs immer nur kurz aufblitzen lässt, bevor es mehr und mehr Raum einnimmt und zum Höhepunkt am Schluss die Erzählung fast durchgängig bestimmt. Die erste Begegnung mit den Gestalten der Liga hat Farell – abgelenkt von anderen Ereignissen – bereits kurz nach seiner Ankunft in Avicenna in Form eines grünen Cabriolets mit drei seltsam gekleideten Gestalten. Später wird er sich (und wir Leser.innen uns) daran erinnern.
Von einer Freundin wird Farrel zu einem Fest der Liga mitgenommen. Dort beobachtet er Aiffe von Schottland, ein junges Mädchen. Getrieben von Machtbegierde und Geltungsdrang beschwört sie Nicholas Bonner herauf, einen alterslosen Dämonenjungen, der sie an Bösartigkeit übertrifft.
Die Spiele und Feste der Liga entpuppen sich als so etwas wie ein Leck in die Welt der Dämonen und Götter, der aber auch Sia angehört, die niemals ihr Haus verlässt. Sie liefert schon bald einen weiteren Hinweis auf das Übersinnliche, das unter der realen Oberfläche des Textes lauert, und auf ihre eigentliche Identität:

„Der große Hund sprang plötzlich auf, stellte sich mit den Vorderpfoten auf ihren Schoß und drückte seine Wange an die ihre, so dass die beiden Gesichter Farell mit demselben Ausdruck undurchdringlichen Gelächters ansahen, nur dass Sias Mund geschlossen blieb. Er wandte sich einen Augenblick ab und sah aus dem Fenster auf die Gruppe stämmiger Eichen hinter dem Haus. Das Glas spiegelte nicht sein Gesicht wider, sondern die Gestalt, die auf dem Stuhl ihm gegenüber saß. Sie hatte den mächtigen, steinernen Körper einer Frau und den Kopf eines grinsenden Hundes.“ Peter S. Beagle, Das Volk der Lüfte
Im weiteren Verlauf der Geschichte begegnet Farell Menschen, die von den Geistern früherer Gestalten besessen sind, findet Räume und Treppen in Sias Haus, die es eigentlich gar nicht gibt, muss erfahren, dass sein Schulfreund Ben mitunter sein Leben mit einem Wikinger aus dem 9. Jahrhundert tauscht, der dann vollkommen orientierungslos und verängstigt durch die Welt des 20. irrt, und beobachtet das Unheil und die wachsende Bedrohung, die von Aiffe und Nicholas Bonner ausgehen.
Die Geschichte spielt Ende der 1970er Jahre, ihr Rahmen ist die Hippie-Kultur der amerikanischen Westküste in den 1970er Jahren, die für uns auch bereits wieder eine bunte, verwunderliche Welt zeigt und doch erstaunlich viele Elemente besitzt, die uns vertraut sind: Tätowierte Leute, Scateboardfahrer, ein multikulturelles Menschengemisch aus allen Weltgegenden und Jahrhunderten. Unterstützt wird diese mitunter schwebende Atmosphäre durch Beagles Sprache, seine mitunter fantastischen und oft überraschenden Metaphern und Assoziationen.

„Außerdem hörte er den Basstanz La Volunté von Gervaise, gespielt auf Krummhörnern und einem Rebec. Kalt wie Münzen und winzig und schimmernd und scharf wie neue Nägel funkelte die Melodie über die Wiese.“ Peter S. Beagle, Das Volk der Lüfte, S. 113
Ich schätze dieses Buch unter anderem deshalb, weil es eben nicht um die Rettung der ganzen Welt geht. Vielmehr sind es die einzelnen Gestalten, die um ihre Daseinsberechtigung ringen, im Mit- wie im Gegeneinander. Eine jede hat ihre eigene Geschichte, hat schlüssige Gründe und Motive für ihre Handlungen: Die pubertierende Aiffe (als Schulmädchen hört sie auf den profanen Rosanna Berry) ebenso wie der dämonische, alterlose Nicholas Bonner, Farrells wikinger-besessener Freund Ben oder die rätselhafte Sia.
Joe Farrell selbst, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, bleibt auf Distanz. Ein wandernder Musiker, der mit seinem Lautenspiel und seiner Neugier die Erzählung weitertreibt, an den dramatischen Ereignissen teilhat und immer wieder eine wichtige Rolle spielt, wenn es darum geht, die Geschichte voranzutreiben.
So ist es auch nur konsequent, dass er am Ende weiterzieht in seinem alten VW-Bus, mit der (reparierten) Laute im Gepäck und in Begleitung von Briseis, Sias ebenso ängstlicher wie magisch begabter Hündin.

Die Illustrationen auf dieser Webseite (abgesehen von dem Titelbild) stammen aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), deren Grundstock um 1300 in Zürich hergestellt wurde. Die Bilder zeigen die Autoren der insgesamt 140 Lied und Gedichtsammlungen. Die Handschrift liegt in der Bibliothek der Universität Heidelberg, die sie auch als Digitalisat ins Netz gestellt hat.
