Die Neue Zeit: Das war eine Zeit voller Benzingestank. Das helle Licht der elektrischen Lampen kroch in Ecken und Winkel, erleuchtete Straßen und Hofplätze und vertrieb den Spuk von seinen angestammten Plätzen. Die Radioapparate spuckten Schweine- und Getreidepreise aus, Wetterberichte und Hörspiele. Niemand achtete mehr auf die Windrichtung oder erzählte die alten Geschichten, und kaum jemand dachte an die Nixe. Christiane Wachsmann, Elsa Anni, Kapitel „Wasser quillt aus den Hängen“
Die Nixe
ist ein Geschöpf des Meeres. Vor langer Zeit, so heißt es, sei sie den Fluss heraufgekommen und habe sich auf dem Grunde des Sees niedergelassen, der sich damals vom nördlichen Höhenzug, dem Berching aus bis hin zu der Schwelle unterhalb des Schwarzen Felsens erstreckte. Noch heute staut sich dort der Bach, bevor er sich weiter hinunter ins Tal stürzt.
Indem sie an sie glauben, geben die Menschen der Nixe Bedeutung und Gestalt. Sie ist die Herrin der Geschichten und ein Teil von ihnen. Die Neue Zeit stellt sie vor Herausforderungen: Wird sie im Licht der Aufklärung und der Moderneweiter existieren können?

Elsa Anni
stammt aus dem Tal der Nixe. Ihre Mutter Luise war die letzte Müllerin auf der Nettelmühle. Anni ist 40 Jahre alt und Mutter von zwei Töchtern, ihren Beruf als Lehrerin hat sie mit ihrer Heirat aufgegeben, ihre ländliche Herkunft hinter sich gelassen. Doch in ihren Träumen ist sie der Nixe noch immer verbunden. Kann sie sich von ihrer eigenen Geschichte lösen? Um welchen Preis? Und – will sie das tatsächlich?
Malwida
ist die Frau von Wilhelm Meier zu Hegentrup, der sich nach seiner Rückkehr aus dem Krieg wieder im Nixental angesiedelt hat. Sie ist inzwischen 43 Jahr alt, eine attraktive und bestimmende Frau, über deren Herkunft ein Schatten liegt. Zusammen mit Hannes, Annis Mann, betreibt sie den Verkauf des Tals an die Elektrizitätsgesellschaft. Mit dem Bau der Staumauer würde das Tal geflutet, seine Geschichten in Vergessenheit geraten.

Wilhelm
ist der Erbe des Hegentruper Meierhofes. Nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg wollte er das zerstörte Dorf wieder aufbauen. Unter dem Einfluss seiner Frau Malwida stimmte er schweren Herzens dem Stauseeprojekt und dem damit verbundenen Umzug aus dem Tal zu.
Nico
ist 26 Jahre alt und Student. Eigentlich sucht er nur einen schönen Ort, an dem er mit seinem bunt bemalten Bulli ein paar Tage verbringen und seine neue Kamera erproben kann. Die Begegnung mit Anni konfrontiert ihn mit einem schlecht verwundenen Punkt in seiner eigenen Familiengeschichte.

Luise
geistert durch das Tal der Nixe, erfüllt von Sehnsucht nach ihrer Tochter und dem Ende ihrer eigenen Geschichte. Sie ertrank 1932 mit 27 Jahren im Teich der Nettelmühle.
Luise war das einzig überlebende Kind der Müller-Familie und hatte eine Ausbildung als Lehrerin erhalten. Nach einer Liebesaffäre mit einem Kollegen wurde sie schwanger und lebte danach zurückgezogen in der Mühle. Ihre Tochter Elsa Anni war zum Zeitpunkt ihres Todes vier Jahre alt.
Alwine
ist als Konditorsgattin ein angesehenes Mitglied der Luitgener Gesellschaft. Sie ist das jüngste Kind der Meier-Familie und inzwischen 64 Jahre alt. Nach dem Tod ihrer Kusine Luise hat sie zusammen mit ihrem Mann Gustav die kleine Anni zu sich genommen und aufgezogen. Ihre Skepsis der Nixe gegenüber und der eigenen Herkunft aus dem Hegentruper Tal ist nicht unbegründet.
Die Müller auf der Nettelmühle
Im Jahr 1864 heiratete der Müllersknecht Johann Süvern auf die Nettelmühle ein. Seine Frau Charlotte Henriette Vieregge war die Großmutter von Luise und Alwine.
Ihre Tochter Lina heiratete den damaligen Meier zu Hegentrup, der Sohn Friedrich Leopold bekam mit seiner Frau drei Kinder. Die Söhne starben im ersten Weltkrieg, so dass der Besitz des Mühlhofes nach Friedrichs Tod an seine Tochter Luise fiel.

Die Familie Meier zu Hegentrup
Lina Vieregge hatte mit ihrem Mann Hermann Heinrich Meier zu Hegentrup zehn Kinder, von denen acht das Kindesalter überlebten. Die älteste, Hermine, wurde 1884 geboren. Als die Mutter 1904 bei der Geburt ihrer jüngsten Tochter Alwine starb, übernahm Hermine die Verantwortung für die Geschwisterschar.
Heinrich Johann, der Hoferbe, heiratete im Jahr 1924 Katharina Brinckmann. Sie starb bei der Geburt ihres Sohnes Wilhelm. Hermine übernahm daraufhin erneut den Haushaltsvorstand, unterstützt von ihrer Schwester Anna, die wegen ihrer verwachsenen Gestalt nicht heiratete. Die Schwestern Katharina, Margarete und schließlich auch Alwine zogen in die nahegelegenen Kleinstadt Luitgen, wo sie sich verheirateten.
Der Bruder Frieder machte eine Lehre beim Dorfschmied. Er interessierte sich brennend für Maschinen aller Art und konstruierte bereits 1921 einen Ackerschlepper. Er war verheiratet, hatte mit seiner Frau drei Kindern un fiel im Zweiten Weltkrieg.
Die Geschwister Hermine, Heinrich und Anna kamen bei der versehentlichen Zerstörung des Dorfes im Jahr 1944 um. Der Hoferbe Wilhelm überlebte, weil er zu dem Zeitpunkt als Soldat in Frankreich war.
