Lilits Töchter (Roman)


An heißen Tagen fegt ein Wind über die Osterberger Höhe. Er schmeckt nach Wüstenstaub, nach Heu und Thymian. In der Luft hängt der Gesang der Zikaden.
Windböen ballen sich und fahren auseinander, zerren an Bäumen und Gräsern. Samen fliegen, Früchte fallen. Morsche Äste brechen und stürzen ins Gras, wo sie liegen bleiben und zerfallen.
Die Luft im Obstgarten ist dicht und schwer und klar. Ein Geruch nach faulenden Äpfeln hängt darin, nach Abfall und chemischen Substanzen, nach Schwefel, Exkrementen. Ein Summen hängt darin wie von Schmeißfliegen und Wespen, eine Sehnsucht und ein Verlangen.
Ein Duft nach Meer. Der Geschmack von Salz und Sand.

Zusammen mit Adam schuf Gott eine Frau, und nannte sie Lilit.
Sofort begannen die beiden zu streiten.
„Ich will nicht unten liegen“, sagte sie, und er sagte: „Ich will nicht unter dir liegen, sondern nur oben. Denn du bist nur dazu geeignet, unten zu liegen, während ich der Obere sein soll.“
Lilit sagte: „Wir sind einander gleich, da wir beide aus der Erde geschaffen wurden.“
Sie wollten einander nicht zuhören. Als Lilit dies sah, sprach sie den unaussprechlichen Namen aus und flog in die Lüfte davon ans Meer. Weil sie sich weigerte zurückzukehren, wurde sie zur Dämonin. Sie lauert an den Türen und verführt allein schlafende Männer. Jeden Tag sterben hundert ihrer Dämonenkinder. Sie selbst ist eine Gefahr für schwangere Frauen und neu Geborene.

Lilit ist Frau und ist Schlange. Sie ist die Verführerin Evas im Paradies, ist die Königin von Saba und die Geliebte Salomons.
Sie streicht uns über Kopf und Glieder, schlängelt sich in unsere Gefühle, lässt sie stärker werden und unbeherrschbar. Sie prickelt auf der Haut, schmeckt nach reifen Sommeräpfeln, süß und herb, rau und weich. Sie bringt den Moment, bringt das Vergessen, das Begehren des Augenblicks, die Vollständigkeit im Jetzt, im Hier: Die Welten werden eins, das Paradies lässt sich erahnen — und entschwindet mit ihr von unserem Angesicht.

So beginnt der Roman „Lilits Töchter“, die Geschichte einer jungen Frau im 19. Jahrhundert, die die Kühnheit hat, beides zu erstreben: einen Beruf und auch die Liebe.

Der Roman

Blätter und Zweige eines Apfelbaumes (Aquarell)

August 1862. Im alten Obstgarten vor den Mauern der Kleinstadt Tessen befindet sich eine Pforte zu einer anderen Welt, dem verlorenen Paradies. Hier wohnt die dämonische Lilit, die erste Frau Adams. Unter ihrem Einfluss streben die Frauen der Umgebung nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Selene Marl, genannt Lele, ist die Tochter des örtlichen Textilfabrikanten. Sie liebt die Beschäftigung mit der Chemie und experimentiert heimlich im Alchemistenturm an der oberen Stadtmauer. Ihre Stiefmutter will dieses seltsame Mädchen endlich verheiraten.

Doch Lele hat andere Vorstellungen: Wie ihre Mutter Fanny Rotmund, die in Straßburg erfolgreich Farben für die prosperierende chemische Industrie erfindet, will sie selbständig leben. Als Fanny ihrer Tochter das Rezept für die Herstellung von künstlichem Indigo schickt, taucht Adam Klimmisch, Alchemist und Fanny Rotmunds ehemaliger Geliebter, wieder in seiner Heimatstadt auf. Er hat von dem Indigo-Rezept erfahren und will es an sich bringen. Allerdings hat er nicht damit gerechnet, dass Lele nicht die fügsame junge Frau ist, die er in ihr sieht, sondern eine ebenbürtige Gegnerin.

Der Roman „Lilits Töchter“ wird Ende September 2022 erscheinen.


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